Der Fachkräftemangel – Märchen oder Realität?

Fast täglich erscheinen neue Artikel, die düstere Prognosen zum Fachkräftemangel der Zukunft machen. Doch gibt es tatsächlich einen flächendeckenden Mangel? Oder sind nur manche Berufe in einzelnen Regionen betroffen? Werden sich diese Lücken in Zukunft vergrößern oder schließen?

Worum geht's?

Die Medien produzieren fast täglich neue Schlagzeilen zum Fachkräftemangel. „Der Fachkräftemangel wird für Deutschland zum Umsatz-Killer“1, „Fachkräftemangel extrem: In welchen Berufen Sie sofort einen Job finden“2 oder „bis 2030 fehlen drei Millionen Fachkräfte“3 sind typische Überschriften zu diesem Thema. Doch wie stark ist der Fachkräftemangel wirklich ausgeprägt? Wie wird er gemessen? Verstärkt sich der Fachkräftemangel in Zukunft aufgrund der demografischen Entwicklung? Oder gibt es andere Faktoren wie die Automatisierung, die diese Entwicklungen überkompensieren? Solltest du dich bei deiner Entscheidung am Fachkräftemangel orientieren? Diesen Fragen gehen wir im folgenden Blogpost auf den Grund.

Schlagzeilen zum Fachkräftemangel

Methodik: Wie wird der Fachkräftemangel gemessen?

Typische Messfaktoren und deren Probleme

Bevor wir uns mit Studien und Statistiken auseinandersetzen, müssen wir zuerst verstehen, wie der Fachkräftemangel gemessen wird. Typischerweise gibt es drei Faktoren, die dafür analysiert werden: Die Vakanzzeit, die Anzahl der Arbeitslosen je 100 offener Stellen sowie die berufsspezifische Arbeitslosenquote. Nicht jede Studie verwendet alle diese Faktoren. Zudem definieren sie einen Engpass häufig anhand unterschiedlicher Grenzwerte.

  • Die Vakanzzeit beschreibt die Zeitspanne zwischen der erstmaligen Ausschreibung einer Stelle und ihrer Besetzung. Je länger die Vakanzzeit, desto schwieriger tun sich Unternehmen, geeignete Bewerber einzustellen.
  • Die Anzahl der Arbeitslosen je 100 offener Stelle. Je weniger Arbeitslose auf eine offene Stelle kommen, desto gefragter sind Personen mit der jeweiligen Ausbildung. Die Bundesagentur für Arbeit spricht von einem Engpass, wenn das Verhältnis von Arbeitslosen zu gemeldeten Stellen 200 zu 100 (im Falle von Fachkräften und Spezialisten) bzw. 400 zu 100 (im Falle von Experten) unterschreitet.4
  • Intuitiv dürfte jedem klar sein, dass ein Mangel mit einer niedrigen berufsspezifischen Arbeitslosenquote einhergehen sollte. Die Bundesagentur für Arbeit sieht eine Arbeitslosenquote von unter drei Prozent als Anzeichen für einen Mangel.5

Die Anzahl der Arbeitslosen je 100 offener Stellen sollte mit Vorsicht interpretiert werden. In Studien werden die Verhältnisse angepasst, da wohl nur die Hälfte (im Fall von Fachkräften/Spezialisten) bzw. ein Viertel (im Fall von Experten) der tatsächlich zu besetzenden Stellen auch gemeldet werden.6 Dabei werden jedoch einige gegensätzliche Effekte nicht berücksichtigt:

  • Die offizielle Arbeitslosenzahl unterschätzt die Anzahl der tatsächlichen Arbeitslosen, da beispielsweise Personen, die an Maßnahmen der  Arbeitsagentur teilnehmen, nicht erfasst werden. Ebenso melden sich viele Akademiker nicht arbeitslos. Insbesondere Absolventen, die nach ihrem Studium erfolglos nach einer Stelle suchen, verzichten häufig auf den Gang zum Arbeitsamt. Schließlich gibt die Anzahl der Arbeitslosen auch keinen Aufschluss über das Ausmaß der Unterbeschäftigung.
  • Auf der Nachfrageseite gibt es einige Gründe, weshalb die Formel „offene Stellen geteilt durch die Meldequote gleich tatsächliche Anzahl offener Stellen” die Arbeitsnachfrage der Unternehmen überschätzt. Zum einen wird ein Teil der Stellen nur aufgrund von Betriebswechseln ausgeschrieben: Wenn Mitarbeiter A von Firma X zu Firma Y und Mitarbeiter B von Firma Y zu Firma X wechselt, wurden zwei Stellen ausgeschrieben.7 Die branchenweite Gesamtnachfrage blieb jedoch gleich, da sich die offenen Stellen nicht aufgrund einer Ausweitung der Mitarbeiterzahlen ergaben. Andere Stellen werden aus Compliance-Gründen ausgeschrieben, obwohl sie intern bereits längst besetzt sind. Diese Effekte lassen sich schwer quantifizieren. Sie dürften jedoch einen signifikanten Anteil der offenen Stellen betreffen.

Fasst man diese Effekte auf Angebots- und Nachfrageseite zusammen, kommt man zu dem Ergebnis, dass Analysen basierend auf den offiziellen Statistiken dazu neigen, einen Fachkräftemangel schneller zu identifizieren und ihn in seinem Ausmaß tendenziell zu überschätzen.

Wenn man Artikel über den Fachkräftemangel liest, sollte man sich immer fragen, ob es sich hier um einen flächendeckenden (bundesweiten) Mangel handelt oder ob er sich auf einzelne Gebiete beschränkt. Im ersten Fall gibt es insgesamt weniger geeignete Personen als offene Stellen, während dies beim lokalen Fachkräftemangel nur gebietsweise der Fall ist. Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage ist hier ein Verteilungsproblem und verlangt daher keine Ausweitung des Arbeitsangebots. 

Bundesweiter oder lokaler Fachkräftemangel?

Bundesweiter oder lokaler Fachkräftemangel?

Das fehlende Puzzleteil sind die löhne

Ein Faktor, der in keiner der folgenden Studien auftaucht, ist die Lohnentwicklung. Der Arbeitsmarkt funktioniert grundsätzlich nicht anders als jeder andere Markt: Wenn ein Gut knapp ist, steigt sein Preis. Mit steigendem Angebot hingegen sinkt der Preis. Wenn Arbeitskräfte knapp wären, müssten in diesem Bereich auch die Löhne steigen, da mehrere Arbeitgeber um fähige Bewerber konkurrieren. Doch nicht in jedem Bereich, in dem die anderen Faktoren einen Fachkräftemangel anzeigen, steigen auch die Löhne. Später blicken wir daher auch auf die Lohnentwicklung des jeweiligen Berufs.

Kurzüberblick über einige vielzitierte Studien

Was sind die Ergebnisse der Studien, die den Fachkräftemangel untersucht haben? Welche Methodik nutzen sie? Gibt es bestimmte Schwachstellen in ihrer Argumentation oder sind ihre Ergebnisse objektiv? Die folgende Tabelle verschafft dir einen groben Überblick über die Ergebnisse und Methodik von sechs Studien, die häufig in den Medien zitiert wurden:

Studienergebnisse und deren Methodik im Vergleich

Arbeitslandschaft 2040 (Prognos AG)

Die Studie der Prognos AG kommt zu dem Ergebnis, dass in Deutschland bis 2020 (2040) 1,8 Millionen Arbeitskräfte (3,9 Millionen Arbeitskräfte) fehlen, falls von der Politik und Unternehmen nicht gegengesteuert wird. Als Auslöser für diese Entwicklung sieht die Studie vor allem die schrumpfende Erwerbsbevölkerung, welche sich wiederum infolge des demografischen Wandels ergibt.8 Die Analyse der Arbeitsnachfrage erfolgt sowohl qualitativ als auch quantitativ. Die Effekte einer zunehmenden Automatisierung werden angerissen, jedoch bleibt unklar, ob die Automatisierung insgesamt mehr Jobs vernichtet oder schafft. Die Fortschreibung bestehender Trends geschieht häufig so selbstverständlich, dass der Autor bei seinen Prognosen ohne den Konjunktiv auskommt.

Somit scheint sich auch die Betrachtung verschiedener Szenarien zu erübrigen. Dass die voranschreitende Automatisierung den Effekt der schrumpfenden Erwerbsbevölkerung überkompensieren könnte, wird an keiner Stelle erwähnt.

Fachkräfteengpassanalyse (Bundesagentur für Arbeit)

Anders als viele andere Studien benutzt die Bundesagentur für Arbeit nicht einen, sondern drei Faktoren (die Vakanzzeit, die Anzahl der Arbeitslosen je 100 offener Stellen sowie die berufsspezifische Arbeitslosenquote), um einen Beruf als möglichen Engpass zu identifizieren. Die Fachkräfteengpassanalyse macht zudem keine Prognosen, sondern beschreibt nur die gegenwärtige Situation. Abgesehen von den oben genannten methodischen Problemen (z. B. der korrekten Erfassung der tatsächlich offenen Stellen) und der fehlenden Berücksichtigung der Lohnentwicklung stellt die Bundesagentur für Arbeit unserer Meinung nach die objektivste Studie zur Verfügung.

Arbeitsmarktreport 2018 (DIHK), Mittelstandspanel 2017 (A. T. Kearney & BDI), Studie Fachkräftemangel (ManpowerGroup)

Diese drei Studien beruhen nicht auf Arbeitsmarktdaten, sondern auf Unternehmensbefragungen. Sie alle zeichnen ein ähnliches Bild: Viele Unternehmen sehen den Fachkräftemangel als Problem. Im Arbeitsmarktreport 2018 vom DIHK stellen 48 Prozent der befragten Unternehmen fest (ein Anstieg von 11 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr), dass sie Stellen längerfristig nicht besetzen können, weil sie keine passenden Kandidaten finden.9 Eine ähnliche Statistik präsentiert die Analyse von Manpower: Hier sagen 51 Prozent der Unternehmen, dass sie einige oder große Schwierigkeiten haben, qualifizierte Kräfte zu finden.10 Das Mittelstandspanel 2017 stattdessen befragte Unternehmen nach der Zukunft. Auch hier sehen die Unternehmen düstere Wolken aufziehen. Sie identifizieren den Fachkräftemangel als großes Zukunftsproblem, der aus der gesellschaftlichen Alterung erwachse.11

Fachkräfteengpässe in Unternehmen (KOFA)

Dem Kompetenzzentrum Fachkräfte zufolge werden 66 Prozent aller offenen Stellen in Engpassberufen ausgeschrieben. Die Einordnung dieser Stellen geschieht allein aufgrund der Relation von gemeldeten Stellen zu Arbeitslosen (Engpass = gemeldete Stellen/Anzahl Arbeitslose < 2).12 Weder die berufsspezifische Arbeitslosenquote noch die Vakanzzeit wurde für die Betrachtung hinzugezogen. Damit setzt sich die Studie verstärkt den oben diskutierten Messproblemen aus. Zudem wird leider nicht erwähnt, wie viele Stellen in den Engpassberufen ausgeschrieben wurden.

Prognose des Arbeitsangebots und der Arbeitsnachfrage

Die einzige Studie, die in die Zukunft blickt und sich nicht auf Unternehmensbefragungen bezieht, ist die „Arbeitslandschaft 2040” von der Prognos AG. Wie wir oben bereits erwähnt haben, lassen die Punktschätzungen dieser Studie scheinbar wenig Raum für Unsicherheit.

Die folgende Grafik versucht, die zukünftigen Veränderungen des Arbeitsangebots und der Arbeitsnachfrage in Beziehung zueinander zu setzen. Die Schätzung des Arbeitsangebots (Entwicklung der Erwerbsbevölkerung) basiert auf dem Szenario „Kontinuität bei schwächerer Zuwanderung” vom Statistischen Bundesamt, das Annahmen bezüglich Zuwanderung, Lebenserwartung und Geburtenrate macht.13 Diesen Annahmen zufolge wird die Erwerbsbevölkerung bis 2030 um fünf Millionen Personen schrumpfen, was einem Rückgang von knapp über 10 Prozent entspräche.

Diesem Verlust auf der Angebotsseite steht unserer Meinung nach ein Rückgang auf der Nachfrageseite gegenüber, der vorwiegend durch die Automatisierung ausgelöst wird. Prognosen zum Automatisierungspotenzial sind natürlich mit Unsicherheit behaftet und von den dahinterliegenden Annahmen abhängig. Einerseits kann man sich darüber streiten, wie schnell die Automatisierung bestimmter Tätigkeiten voranschreitet. Was passiert im kommenden Jahrzehnt? Keiner kann genau sagen, wie viele Tätigkeiten in diesem Zeitfenster genau betroffen sein werden. Andererseits kann man argumentieren, dass durch die Automatisierung ebenso neue Jobs entstehen. Eine detaillierte Diskussion des letzten Punkts findest du in diesem Blogpost.

Aufgrund dieser beiden Streitpunkte und der damit verbundenen Unsicherheit geben wir eine Bandbreite des Effekts an. 4,5 Millionen verlorene Arbeitsplätze entsprechen einem Netto-Automatisierungsgrad14 von 10 Prozent bis 2030. 13,5 Millionen verlorene Arbeitsplätze entsprechen hingegen einem Netto-Automatisierungsgrad15 von 30 Prozent bis 2030 und geben das obere Limit an.

Die tatsächliche Anzahl automatisierter Jobs wird unserer Auffassung nach mit hoher Wahrscheinlichkeit in diesem Korridor liegen. Wie die drei Szenarien zeigen, kompensiert der Nachfrageeffekt den Angebotseffekt in zwei von drei Szenarien über. Wenn man dieser Gegenüberstellung und den Annahmen folgt, ist ein flächendeckender Fachkräftemangel nicht wahrscheinlich. Dennoch kann es selbstverständlich zu Ungleichgewichten zwischen den Anforderungen der Unternehmen und der Ausbildung potenzieller Arbeitskräfte kommen. 

Gibt es (keine) Mängel?

#1 Motivation der Unternehmen und arbeitgebernahen Institute

Insbesondere bei Unternehmensbefragungen ist es schwierig, einen tatsächlichen von einem konstruierten Mangel zu unterscheiden. Unternehmen und arbeitgebernahe Institute haben nämlich immer Anreize, einen Mangel an qualifizierten Bewerbern zu kommunizieren. Denn eine Ausweitung des Arbeitsangebots und eine zunehmende Konkurrenz unter potenziellen Mitarbeitern hat zwei positive Effekte für Unternehmen:

  • Sie können aus einem größeren Pool von Personen schöpfen und haben mehr qualifizierte Personen zur Auswahl
  • Aufgrund der gestiegenen Konkurrenz auf der Arbeitnehmerseite müssen sie ihre Löhne nicht anheben, um qualifizierte Mitarbeiter einstellen zu können

Die folgende Abbildung illustriert die Ereigniskette. Zwischen den ersten Rufen nach einer Fachkräftelücke und der Vergrößerung des Arbeitsangebots besteht naturgemäß eine zeitliche Lücke, da Ausbildung und Studium in der Regel drei bis fünf Jahre in Anspruch nehmen, bevor die ersten Studenten und Auszubildenden, die sich aufgrund des kommunizierten Mangels für Studium/Ausbildung X entschieden haben, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.

Unternehmen haben eigennützige Motive

#2 Mängel in konkreten Berufen (laut der Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit)

Die oben bereits erwähnte Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit untersucht die Arbeitsmarktsituation anhand von drei Faktoren: der offenen Stellen, der Anzahl der Arbeitslosen je 100 offener Stellen sowie der berufsspezifischen Arbeitslosenquote.

Vorab sei gesagt, dass auch die Bundesagentur für Arbeit keinen umfassenden Fachkräftemangel in Deutschland erkennen kann. Sie spricht viel eher von (teilweise lokalen) Problemen bei der Besetzungen von offenen Stellen in bestimmten Berufsfeldern.

Auf dem Arbeitsmarkt für Experten (Experten haben mindestens ein vierjähriges Hochschulstudium erfolgreich abgeschlossen [z. B. einen Master oder Doktor]) nennt die Fachkräfteengpassanalyse 2018 vier verschiedene Berufsgruppen, in denen ein Mangel besteht: Ingenieure im Bereich der Fahrzeug-, Luft-, Raumfahrt- und Schifffahrttechnik (#1), Softwareentwickler, IT-Systemadministratoren und Programmierer (#2), Humanmediziner (#3) und Apotheker (#4).

Die bereits diskutierten Probleme bei der Erfassung der Arbeitslosen und offenen Stellen einmal außen vorgelassen, weisen die drei Faktoren tatsächlich auf einen möglichen Mangel in den genannten Berufen hin (siehe Grafik). Die Vakanzzeit liegt je nach Berufsgruppe 40 bis 70 Prozent oberhalb des Durchschnitts (93 Tage), die Arbeitslosenquoten liegen bei unter zwei Prozent. In zwei der vier Gruppen kommen auf 100 offene Stellen weniger als 200 Arbeitslose.

Dass es sich bei diesen Lücken nicht um dramatischen Entwicklungen handelt, zeigt ein Blick auf die Anzahl der offenen Stellen. Im Bereich Humanmedizin (Softwareentwicklung, Programmierung und IT-Systemadministration) gibt es 2.000 (3.200) gemeldete offene Stellen, während in den anderen Bereichen nur ein paar Hundert offene Stellen gemeldet sind. Zudem zeichnet die langfristige Reallohnentwicklung16 ein gegenteiliges Bild: In allen Bereichen außerhalb der Fahrzeugtechnik sind die Reallöhne gefallen und nicht gestiegen. Ärzte mussten im Vergleich zu 1990 sogar Einkommenseinbußen von mehr als 50 Prozent hinnehmen. Bei einem flächendeckenden Mangel würde man jedoch Lohnsteigerungen erwarten. Da diese (bisher) ausblieben, ist eher von (momentanen) Besetzungsproblemen in einigen Unternehmen auszugehen.

Fachkräfteengpässe in Expertenberufen17

Solltest du dich an Nachrichten über den Fachkräftemangel orientieren?

Rufe nach fehlenden Fachkräften produzieren oft zeitversetzt ein Überangebot von Arbeitskräften. Dahinter versteckt sich der sogenannte Schweinezyklus. Der Begriff wurde 1928 von Arthur Hanau geprägt, der im Jahr 1928 seine Dissertation „Die Prognose der Schweinepreise“ schrieb. Mit Sicherheit hätte er damals nicht gedacht, dass seine Theorie später auch auf dem Arbeitsmarkt angewandt wird.

Bei hohen Preisen für Schweinefleisch züchteten Bauern mehr Schweine. Dabei berücksichtigten sie jedoch nicht, dass gleichzeitig viele andere Bauern dieselbe Strategie verfolgten. Ergebnis war ein zeitverzögertes Überangebot, da Schweine nicht sofort „produziert“ werden können.

Der Schweinezyklus bezieht sich auf Märkte, in denen das Angebot zeitverzögert auf Veränderungen der Nachfrage reagiert. Er beschreibt nicht nur die Schweinezucht, sondern auch viele Arbeitsmärkte.

Wenn die Nachfrage von Unternehmen das Angebot qualifizierter Bewerber übersteigt, steigen die Preise (Löhne) und die Arbeitslosenquote sinkt. Die Medien berichten verstärkt über einen Fachkräftemangel und gute Berufsaussichten in diesem Bereich. Daraufhin beginnen viele Abiturienten in diesem Bereich ein Studium, da sie von diesen Vorteilen profitieren wollen.

Genau wie bei der Schweinezucht besteht auch hier eine zeitliche Lücke zwischen der Studienentscheidung und dem späteren Eintritt in den Arbeitsmarkt. Bei der Entscheidung berücksichtigt man nur die jetzige Situation, nicht jedoch all die anderen Studienanfänger, die in ein paar Jahren alle gemeinsam auf den Arbeitsmarkt drängen werden: Viel zu viele Abiturienten entscheiden sich für Studiengänge solcher Mangelberufe, sodass das Angebot die Nachfrage in den Folgejahren übertrifft. Statt guten Gehältern erwartet den durchschnittlichen Absolventen nun ein harter Konkurrenzkampf um offene Stellen. Langsam beginnt eine gegenteilige Entwicklung.

Der untere Teil der Grafik integriert zwei unterschiedliche Entwicklungen in das Modell. Die linke Grafik zeigt, was passiert, wenn die Arbeitsnachfrage in einem Beruf aufgrund zunehmender Automatisierung zurückgeht. Abiturienten beginnen ein Studium, doch parallel dazu werden in ihren Zielberufen ein Großteil der Tätigkeiten automatisiert. Die Unternehmen suchen im Vergleich zum vorherigen Gleichgewicht nach weniger Mitarbeitern als zuvor. Der Überschuss an Absolventen bzw. Berufseinsteigern liegt weit oberhalb der neuen Nachfrage.

Die rechte Graphik hingegen zeigt eine Ausweitung der Arbeitsnachfrage in einer wachsenden Branche. Es ist praktisch das Spiegelbild des linken Bildes: Infolge wachsender Auftragszahlen und steigender Umsätze suchen Unternehmen händeringend nach qualifizierten Mitarbeitern, die jedoch nicht ausreichend verfügbar sind. In der Übergangsphase zum neuen Gleichgewicht steigen die Löhne für qualifizierte Mitarbeiter, da das Arbeitsangebot nur verzögert auf die neue Nachfrage reagiert.

Schweinezyklen in verschiedenen Märkten

Schweinezyklen in verschiedenen Märkten

Aus den bisherigen Überlegungen ergeben sich drei Fragen:

  1. Wo befindet sich dein Wunsch-Studiengang/Zielberuf in diesem Zyklus?
  2. Ist dein Zielberuf von der Automatisierung gefährdet oder befindet er sich in einer wachsenden Branche?
  3. Solltest du deswegen deine Entscheidung ändern?

Frage 1: Wenn die Medien über einen Mangel berichten, liegt die Nachfrage häufig tatsächlich über dem Angebot. Weitere Hinweise geben die Entwicklungen der Studienanfängerzahlen sowie die offenen Stellen auf Jobportalen. Überdurchschnittlich viele Studienanfänger sprechen für einen Überschuss an qualifizierten Personen in einigen Jahren (Ausnahmen sind wachsenden Branchen).

Frage 2: Auf unserem Blog haben wir einen Post zu der Frage „Welche Berufe werden 2030 noch relevant sein?“ verfasst. Grundsätzlich ergibt sich das Automatisierungsrisiko aus dem Anteil der Tätigkeiten, die automatisiert werden können. In unserem Kurs haben wir das Automatisierungspotenzial verschiedener Berufe geschätzt. Dort stellen wir dir auch einen Ansatz vor, mit dem du selbst das Risiko beurteilen kannst. Eine wachsende Branche hingegen erkennst du an wachsenden Umsätzen und Mitarbeiterzahlen, konkurrenzfähigen Gehältern und guten Karrierechancen. Dort gibt es mehr offene Stellen als geeignete Bewerber.

Frage 3: Du solltest wissen, ob du nach deinem Studium einen schwierigen oder vorteilhaften Arbeitsmarkt erwartest. Wenn du bei deiner Analyse etwa „nur“ einen Schweinezyklus, aber keinen strukturellen Rückgang der Branche entdeckst und alle anderen Faktoren grünes Licht signalisieren (Stärken, Interessen etc.), kannst du dich in der Regel dennoch für diesen Studiengang oder diese Ausbildung entscheiden. Anders sieht es aus, wenn dein Wunschberuf zusätzlich von der Automatisierung betroffen ist. Denn dann liegt die Nachfrage der Unternehmen dauerhaft auf einem niedrigeren Niveau (oder sinkt im Extremfall auf nahe null). In diesem Fall stellt sich die Frage, ob eine andere Option nicht bessere Zukunftsaussichten bietet.

Umgekehrt solltest du nicht den Fehler begehen, einen kurzfristigen Fachkräftemangel mit einer wachsenden Branche zu verwechseln. Insbesondere solltest du dich nicht aufgrund eines medial kommunizierten Mangels für ein Studienfach entscheiden, dass dich eigentlich gar nicht begeistert. Im schlimmsten Fall kämpfst du dich dann nämlich durch ein Studium, an dessen Ende dich ein inzwischen „gekippter” Arbeitsmarkt erwartet.

In unserem Newsletter zeigen wir dir unter anderem, welche Fehler Abiturienten typischerweise bei ihrer Entscheidung begehen, was du bei einer Zukunftsentscheidung im 21. Jahrhundert beachten solltest und wie du gute Ideen für deine Zukunft entwickeln kannst. 

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Referenzen und Erläuterungen

  1. Stocker, F. (2017, 5. November). Fachkräftemangel wird für Deutschland zum Umsatz-Killer. Welt. https://www.welt.de/wirtschaft/article170337789/Fachkraeftemangel-wird-fuer-Deutschland-zum-Umsatz-Killer.html (Abrufdatum: 12.08.2018).
  1. Grassl, T. (2017, 28. Dezember). Fachkräftemangel extrem: In welchen Berufe Sie sofort einen Job finden. Focus. https://www.focus.de/finanzen/karriere/perspektiven/studie-des-iw-koeln-fachkraeftemangel-extrem-in-welchen-berufen-sie-sofort-einen-job-finden_id_8136638.html (Abrufdatum: 12.08.2018).
  1. Bis 2030 fehlen in Deutschland drei Millionen Fachkräfte (2017, 30. August). Zeit Online. https://www.zeit.de/wirtschaft/2017-08/studie-fachkraefte-mangel-deutschland-2040 (Abrufdatum: 12.08.2018).
  1. Bundesagentur für Arbeit (2018). Fachkräfteengpassanalyse. Berichte: Blickpunkt Arbeitsmarkt. https://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Fachkraeftebedarf-Stellen/Fachkraefte/BA-FK-Engpassanalyse-2018-06.pdf (Abrufdatum: 12.08.2018).
  1. Ibid.
  1. Ibid.
  1. Siehe Brenke, K. (2010). Fachkräftemangel kurzfristig noch nicht in Sicht. Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 46: S. 4. https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.363686.de/10-46-1.pdf (Abrufdatum: 12.08.2018).
  1. Ehrentraut, O. (2015). Arbeitslandschaft 2040. Prognos AG. https://www.prognos.com/uploads/tx_atwpubdb/20150521_Prognos_Arbeitslandschaft2040-final.pdf (Abrufdatum: 12.08.2018).
  1. Herdege, S., Hartig, S. (2018). Fachkräfte gesucht wie nie! DIHK-Arbeitsmarktreport 2018. https://www.dihk.de/presse/meldungen/2018-03-13-arbeitsmarkt-report (Abrufdatum: 12.08.2018).
  1. Manpower (2018). Studie Fachkräftemangel 2018. https://www.manpowergroup.de/fileadmin/manpowergroup.de/Studien/MPG_Taltenshortage_LY4.pdf (Abrufdatum: 12.08.2018).
  1. AT Kearney (2017). Das Mittelstandspanel 2017. S. 11. https://www.atkearney.de/documents/856314/14365786/BDI-Mittelstandspanel.pdf/e4c92157-63e1-1a6f-c4c8-fe9b9db20a83 (Abrufdatum: 12.08.2018).
  1. Burstedde, A., Malin, L., Risius, P. (2017). Fachkräfteenpässe in Unternehmen. KOFA. https://www.kofa.de/service/news/detailseite/news/kofa-studie-42017-fachkraefteengpaesse-in-unternehmen-reaktionen-auf-den-fachkraeftemangel (Abrufdatum: 12.08.2018).
  1. Pötzsch, O., Rößger, F. (2015). Bevölkerung Deutschlands bis 2060. Statistisches Bundesamt. S. 22. https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressekonferenzen/2015/bevoelkerung/Pressebroschuere_Bevoelk2060.pdf?__blob=publicationFile (Abrufdatum: 12.08.2018).
  1. Der Netto-Automatisierungsgrad bezieht sich auf das Saldo zwischen automatisierten und neu geschaffenen Tätigkeiten.
  1. Ibid.
  1. Der Reallohn misst die Kaufkraft deines Lohns. Wenn der Reallohn steigt, kannst du dir mehr leisten als zuvor. Wenn er fällt, musst du entsprechend kleinere Brötchen backen.
  1. Datenquellen: Bundesagentur für Arbeit (2018). Fachkräfteengpassanalyse. Berichte: Blickpunkt Arbeitsmarkt. https://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Fachkraeftebedarf-Stellen/Fachkraefte/BA-FK-Engpassanalyse-2018-06.pdf (Abrufdatum: 12.08.2018) [Anzahl offener Stellen, Vakanzzeiten, Arbeitslose je 100 Stellen, berufsspezifische Arbeitslosenquote]/eigene Berechnungen [Reallohnentwicklung].