Ihr fragt, wir antworten! (#1)

Warum wollen alle gefühlt studieren? Warum ist ein Studium wichtig? Heutzutage gibt es schier endlos viele Möglichkeiten für Abiturienten. Macht die Riesenauswahl unglücklicher? Ich bin ein College-Abgänger und merke, dass mein Leben ganz anders aussieht, als ich es mir vorgestellt hatte. Was kann ich tun, um mich nicht mittelmäßig zu fühlen?

In dieser Serie suchen wir eure interessantesten Fragen heraus und beantworten sie. Im ersten Post haben wir für euch vier Fragen zum Studium zusammengefasst, die wir auf der Frage-Antwort-Plattform „Quora” beantworten haben. 

#1 Warum wollen gefühlt alle studieren?

1. Studieren nach dem Abitur ist die Standardoption. 80% der Abiturienten wollen ein Studium beginnen. Wenn man sich in seiner Jahrgangsstufe umguckt, stellt man fest, dass fast jeder ein Studium beginnt oder zumindest plant. Wenn wir uns unsicher sind, was wir machen sollen, folgen wir meistens der Herde. Das ist manchmal – jedoch nicht immer – eine clevere Strategie.

2. Ein Studium wird für viele Berufe vorausgesetzt. Du möchtest als Arzt oder Anwalt arbeiten? Ohne Studium hast du keine Chance, dein Ziel zu erreichen.

3. Wir wollen uns gegen die Gefahren unserer Gesellschaft absichern. Mit einem abgeschlossenen Studium wollen wir uns vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg schützen. Immer mehr Menschen sehen das Studium eher als Versicherung (=Erhaltung des Status Quo) und nicht als Investition (=Weg zu einer besseren Zukunft).

4. Verlängerte Adoleszenz. Die Studienzeit lockt mit vielen Vorteilen, die man als Arbeitnehmer in der Regel nicht mehr hat: Keine festen Arbeitszeiten, viele ausgelassene Partys und Festivals sowie Semesterferien, in denen man längere Reisen unternehmen kann. Viele ehemalige Studenten bezeichnen ihre Studienzeit nicht ohne Grund als „die beste Zeit ihres Lebens“. Zudem kann man die unbequeme Frage, was man eigentlich machen will, in vielen Studiengängen erst einmal aufschieben.

#2 Warum ist ein Studium wichtig?

Wenn du einen Nagel in die Wand schlagen möchtest, brauchst du einen Hammer. Wenn du einen Baum fällen willst, benötigst du eine Motorsäge.

Genauso ist das Studium für 95% der Studenten ein Mittel zum Zweck. Es ist das Werkzeug, das du brauchst, um dein Ziel zu erreichen. Wer Chirurg werden möchte, muss Humanmedizin studieren. Wer später als Rechtsanwalt arbeiten möchte, muss Jura studieren. Problematisch wird es erst, wenn du nicht weißt, was dein Ziel ist. Dann hast du mit deinem Studienabschluss zwar ein tolles „Werkzeug“ erworben, aber du kannst es leider auf deinem zukünftigen Weg nicht sinnvoll einsetzen. Genauso wird selbst der beste Schraubenschlüssel nutzlos, wenn er nicht auf die Mutter passt.

Da viele Abiturienten nicht wissen, was sie machen wollen, entscheiden sie sich für Studiengänge wie BWL oder Informatik, mit denen sie relativ flexibel bleiben. Dem entspricht – in der Welt der Werkzeuge – das Schweizer Taschenmesser.

Damit kannst du Äpfel schneiden, Dosen öffnen, Schrauben festdrehen oder Metallteile abfeilen. Doch auch für das Schweizer Taschenmesser gibt es Grenzen: Du kannst damit weder Reifen aufpumpen noch Löcher buddeln. Das Gleiche gilt für flexible Studiengänge: Der Betriebswirt wird später weder im Operations- noch im Gerichtssaal stehen.

#3 Heutzutage gibt es schier endlos viele Möglichkeiten für Abiturienten. Macht die Riesenauswahl unglücklicher?

Bei der Frage, was du nach dem Abitur machen willst, erwartet dich tatsächlich eine wachsende Anzahl an Möglichkeiten: Allein in Deutschland musst du dich zwischen ca. 8.500 Bachelorstudiengängen und 330 Ausbildungsberufen entscheiden. Hinzu kommen unzählige andere Möglichkeiten: Du könntest sofort beginnen zu arbeiten, eine Karriere als Freelancer beginnen oder dein eigenes Business starten.

Wenn du 10.000 unterschiedliche Alternativen und 10 verschiedene Faktoren pro Alternative (Gehalt, Interesse, Zukunftsaussichten etc.) bei deiner Entscheidung berücksichtigen willst, müsstest du 100.000 Datenpunkte sammeln, bevor du dich entscheiden kannst. Bis du all diese Informationen recherchiert hättest, wärst du wahrscheinlich bereits 35 Jahre alt.

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass uns zu viel Auswahl demotivieren kann. Professor Sheena Iyengar von der Columbia Business School, die sich auf Entscheidungsfindung spezialisiert hat, führte 2000 ein als die „Marmeladenstudie“ bekanntes Experiment durch. Die Forscher haben dazu in einem Supermarkt sechs Marmeladen verschiedener Geschmacksrichtungen (Kiwi-Orange, Erdbeer-Lavendel usw.) zum Verkauf angeboten und beobachteten dann das Verhalten der Kunden: Wer hielt inne und schaute sich das Angebot an? Und wer kaufte schließlich auch ein Glas Marmelade?

In dieser Runde des Experiments schauten sich 40% der Kunden das Marmeladenangebot an, 13% kauften anschließend auch eine Marmelade.

Dann änderten die Forscher eine einzige Variable im Experiment: Statt sechs Marmeladensorten boten sie den Kunden nun 24 verschiedene Geschmacksrichtungen an. Daraufhin stoppten zwar 60% der Kunden (50% mehr als zuvor), jedoch kauften nur noch 3% eine Marmelade (ein Rückgang von mehr als 75%).

Das „Marmeladenexperiment"

Diese Studie zeigt uns zwei Dinge: Wir schauen uns zwar gerne eine große Auswahl an („Schau mal, dort kannst du 24 verschiedene Geschmacksrichtungen testen!“), aber sind überfordert, wenn wir uns dann tatsächlich entscheiden sollen („Die sehen alle sehr lecker aus! Aber entscheiden kann ich mich nicht. Lass uns einfach Honig kaufen.“).

Entgegen dem weit verbreiteten Glauben, dass mehr Auswahl immer besser ist, zeichnet die Realität ein anderes Bild: Ab einem gewissen Punkt übersteigt die Komplexität der Entscheidung den zusätzlichen Nutzen durch weitere Optionen. Dann paralysiert dich die Auswahl auf einmal, anstatt dich zu befreien.

Ist Mehr Auswahl immer besser?

Aber nicht nur die Anzahl der Möglichkeiten macht uns Probleme. Wir sind auch schlecht darin, jede einzelne Option zu bewerten. Anders als beim Marmeladenkauf ist die Entscheidung, was du nach dem Abitur machen willst, extrem komplex.

Du kannst nicht einfach den Geschmack testen, sondern musst viele verschiedene Fragen klären: Passt die Option X zu meinen Stärken und Interessen? Wächst oder schrumpft die von mir favorisierte Branche? Kann diese Tätigkeit automatisiert werden? Werden meine finanziellen Vorstellungen erfüllt? Welche Einschränkungen erwarten mich? Einige Fragen kannst du nicht beantworten, bei anderen bist du dir unsicher.

Zusätzlich unterschätzt du, wie stark sich deine Persönlichkeit und Interessen mit der Zeit ändern. Daniel Gilbert, Professor für Psychologie an der Harvard Universität, hat diesen Effekt in seinem Paper „The End of History Illusion“ untersucht. Dazu wurden mehr als 19.000 Menschen im Alter von 18 bis 68 gefragt, wie stark sie sich in den letzten zehn Jahren verändert haben und wie stark sie sich in den nächsten zehn Jahren verändern werden.

Dann stellten Gilbert und Co. jeweils die Prognosen mit den erlebten Veränderungen aus der Vergangenheit gegenüber. Das Ergebnis: Jede Altersgruppe unterschätzt systematisch, wie sehr sie sich in Zukunft verändern wird. Wir scheinen jederzeit zu denken, dass wir gerade zu dem Menschen geworden sind, der wir für den Rest unseres Lebens bleiben werden. Diese Diskrepanz ist für junge Menschen im Alter von 18 bis 28 Jahren besonders stark ausgeprägt.

All das macht eine gute Entscheidung nicht einfacher.

Okay. Viele Abiturienten sind also sowohl von der Komplexität als auch der Anzahl der Möglichkeiten überfordert.

Aber warum genau macht uns das obendrein auch noch unzufrieden?

#1 Opportunitätskosten. Wenn du dich für Option A entscheidest, ist das gleichzeitig eine Entscheidung gegen Option B. Beispielsweise kannst du nicht als Arzt und Anwalt tätig sein. Du musst auf eine Option verzichten. Und dieser Verzicht verringert (bewusst oder unbewusst) die Zufriedenheit mit deiner getroffenen Entscheidung. Du denkst an die Vorteile der anderen Möglichkeiten, die du jetzt gerne genießen würdest.

#2 „Ich hätte mich bestimmt besser entscheiden können.“ Dich plagen jedoch nicht nur die Möglichkeiten, gegen die du dich bewusst entschieden hast. Genauso haderst du mit all den hypothetischen Optionen, über die du noch nicht einmal nachgedacht hast, die aber dennoch super zu dir passen könnten. Bei mindestens 10.000 Alternativen ist bestimmt eine darunter, die besser als dein derzeitiger Favorit wäre.

Das stimmt sogar sehr wahrscheinlich. Bei einer nahezu unbegrenzten Auswahl gibt es tatsächlich oft eine Option, die du nicht in Betracht gezogen hast und die zumindest marginal besser wäre. Doch da du nie alle Alternativen miteinander vergleichen kannst, ist das nicht mehr als ein Gedankenexperiment, das deine getroffene Entscheidung in einem schlechten Licht erscheinen lässt.

#4 Ich bin ein College-Abgänger und merke, dass mein Leben ganz anders aussieht, als ich es mir vorgestellt hatte. Was kann ich tun, um mich nicht mittelmäßig zu fühlen?

Wenn du dich nach dem Studium davor fürchtest, im Mittelmaß zu versinken, solltest du deine Situation aus zwei Blickwinkeln betrachten.

Die erste Perspektive orientiert sich an diesem extrem populären Blogpost von Tim Urban. Hier ist die Kurzversion. Alles beginnt mit der folgenden Gleichung für Zufriedenheit:

Zufriedenheit = Realität – Erwartungen

Wenn deine Erwartungen von der Realität übertroffen werden, bist du zufrieden. Das könnte etwa der Fall sein, wenn du trotz eines durchschnittlichen Abschlusses und niedriger Erwartungen eine Zusage für deinen Traumjob erhältst. Umgekehrt wirst du unzufrieden, falls die Realität deine Erwartungen nicht erfüllen kann. Vielleicht bewirbst du dich bei zehn Unternehmen und nimmst an, mindestens acht Zusagen zu bekommen. Tatsächlich empfängst du aber nur Absagen.

Problematisch sind vor allem unrealistische Erwartungen, die nicht auf deinen tatsächlichen Kenntnissen, Fähigkeiten und Erfahrungen basieren. Wenn dir von deinen Eltern, Freunden und Bekannten erzählt wird, dass du etwas „Besonderes“ bist und selbstverständlich alles erreichen wirst, was du dir erträumst, entwickelst du mit der Zeit eine überzogene Anspruchshaltung. Die Welt wird schon deine Erwartungen erfüllen, sobald auch sie erkennt, wie toll du wirklich bist.

Doch der Arbeitsmarkt interessiert sich nicht für deine Träume. In Bewerbungsgesprächen wirst du nicht nach deinen Wünschen, sondern nach deinen Fähigkeiten befragt. Zwischen deinen Erwartungen und der Wirklichkeit klafft dann eine riesige Lücke:

Doch es wird noch schlimmer. Denn gleichzeitig siehst du, wie deine Freunde und Kommilitonen erste Erfolge feiern:

  • „Gerade die Zusage von Google in meinem Postfach gefunden. Yessss.“ (auf Facebook)
  • „Bachelor. Check. Traumjob. Check. Oktoberfest. Check.” (auf Instagram)
  • „Auf dem Weg in die Rocky Mountains mit Philipp und Marie.“ (auf Snapchat)

Dabei vergisst du, dass dir Social-Media-Plattformen nur die Highlights aus dem Leben anderer Personen präsentieren. Niemand teilt Bilder von Beerdigungen oder seinem elenden Dasein zwei Tage nach einer Trennung oder Kündigung.

Im Vergleich mit der “Social-Media-Realität” deiner Kommilitonen findest du dich schließlich hier wieder:

Wer kann sich da noch über ein Gefühl der Unzulänglichkeit und Mittelmäßigkeit wundern?

Und doch ist das nur die halbe Wahrheit.

Denn es gibt eine zweite Gleichung, die deine Unzufriedenheit beschreibt:

Unzufriedenheit = Potenzial – Realität

Unzufriedenheit entsteht genauso, wenn du dein Potenzial nicht ausschöpfst. Wenn du nicht alles bist, was du sein könntest. Der Graben zwischen deinem Potenzial und deiner Realität kann unterschiedlich tief sein:

Natürlich ist vorab nicht klar, wo genau dein persönliches Limit liegt. Die meisten Menschen kommen jedoch nie auch nur in die Nähe ihrer maximalen Leistungsfähigkeit. Anders als unbegründete Erwartungen ist dein Potenzial in gewisser Weise real. Es ist die Ausprägung deines zukünftigen Ichs, die sich ergibt, wenn du dein tägliches Tun an deinen Zielen ausrichtest.

Wo könntest du beispielsweise in drei, fünf oder zehn Jahren stehen, wenn du jeden Tag dazu nutzen würdest, etwas näher an dein wahres Potenzial kommen? Welche Ziele könntest du erreichen, wenn du nicht länger jeden Tag fünf Stunden verschwenden würdest?

Was kannst du tun, um aus dieser Situation auszubrechen? Hier sind drei Tipps:

  • Orientiere deine Erwartungen nicht an deinen Gefühlen, sondern an deinen Leistungen. Du bist nicht einzigartig.
  • Ignoriere alle Social-Media-Feeds deiner Freunde und Kommilitonen. Sie teilen nur ihre besten Momente. Auf der anderen Seite ist das Gras nicht wirklich grüner.
  • Minimiere die Lücke zwischen deinem Potenzial und deiner Realität. Setze ambitionierte Ziele und arbeite auf sie hin.

Vielleicht sieht deine persönliche Gleichung dann schon bald so aus:

Potenzial = Realität > Erwartungen

In unserem Newsletter zeigen wir dir unter anderem, welche Fehler Abiturienten typischerweise bei ihrer Entscheidung begehen, was du bei einer Zukunftsentscheidung im 21. Jahrhundert beachten solltest und wie du gute Ideen für Deine Zukunft entwickeln kannst. 

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