So bekommst du deine Zukunftsängste nach dem Abitur in den Griff

Nach dem Abitur weißt du nicht, was die Zukunft für dich bereit hält. Trotzdem musst du aus Tausenden Optionen die besten auswählen und dich für einen Weg entscheiden. Du hast Angst vor dieser Entscheidung. Doch welche deiner Sorgen sind (un)gerechtfertigt? Und was kannst du tun, um trotzdem mit Zuversicht in deine Zukunft zu blicken? 

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Viele junge Menschen verspüren eine diffuse Angst, weil sie nicht wissen, was die Zukunft für sie bereit hält

Eine kurze Google-Suche zeigt, dass eine Großzahl der Abiturienten besorgt ist, die falsche Entscheidung nach dem Abitur zu treffen. Dahinter verstecken sich oft verschiedene Faktoren: Zum einen sind sie von der Tragweite der Entscheidung überfordert, zum anderen ist die scheinbar unbegrenzte Auswahl an Möglichkeiten oft überwältigend. 

Das Ergebnis einer Google-Suche zum Thema „Zukunftsangst nach dem Abitur”1

Diese Sorgen lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen. Einerseits gibt es interne Unsicherheiten, die sich auf dich selbst beziehen: Wie kannst du ein Studium oder eine Ausbildung finden, die zu dir passt? Wie kannst du sicherstellen, dass du nicht erst im Studium feststellst, ob zwischen deinen Erwartungen und der Realität eine Lücke klafft? Andererseits beschäftigen dich auch externe Unsicherheiten, die von außen auf dich einwirken: Werden Personen mit deinem Abschluss auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt? Wird die von dir anvisierte Branche in Zukunft wachsen oder schrumpfen? Ist dein Traumjob gefährdet, in Zukunft automatisiert zu werden? Wie werden deine Eltern auf deine Entscheidung reagieren?

TEIL 1: Sind deine Zukunftsängste gerechtfertigt?

In diesem Teil stellen wir dir fünf Trends vor, die zeigen, dass längst nicht alle Zukunftsängste irrational sind. Leider gibt es einige gute Gründe, um besorgt in die Zukunft zu blicken.

Wenn man seine Angst erfolgreich bekämpfen will, muss man zunächst das Problem erkennen, um im nächsten Schritt eine Lösung entwickeln zu können. Da du in der Regel weder in der Schule noch an anderer Stelle mit diesen Entwicklungen in Kontakt kommst, haben wir sie für dich zusammengestellt: 

1. Du hast mehr Möglichkeiten als jede Generation vor dir. Das ist Fluch und Segen zugleich!

Du hast heute die Auswahl zwischen 328 Ausbildungen, 8.500 Bachelor-Studiengängen und unzähligen weiteren Optionen. Die Generation deiner Eltern konnte weder Bioinformatik, Wirtschaftsrecht oder Pflegewissenschaften noch Vegan Food oder Virtual Reality Management studieren. Gerade im letzten Jahrzehnt haben die Universitäten und Fachhochschulen immer mehr Nischen-Studienangebote entwickelt. Wenn du heute beispielsweise „etwas mit Wirtschaft“ machen willst, hast du nicht mehr nur die Wahl zwischen BWL und VWL. Dich erwartet ein vielfältiger Mix aus klassischen und speziellen Bachelorstudiengängen (z. B. Wirtschaftsrecht, Tourismuswirtschaft, Bankwesen, Wirtschaftsingenieurwesen etc.). Da ist es kein Wunder, dass die Orientierungslosigkeit unter Abiturienten zunimmt. Außerdem ist längst nicht jeder dieser neuen Studiengänge eine sinnvolle Erweiterung: Hinter vielen exotisch klingenden Studiengängen verbergen sich altbekannte Studieninhalte, die nur um ein paar spezifische Inhalte ergänzt wurden. 

Die Möglichkeiten sind in den letzten Jahrzehnten explodiert

Ebenso wenig hatten vergangene Generationen Zugang zu den Möglichkeiten, die sich in den letzten Jahrzehnten etabliert oder gerade erst entwickelt haben. Du kannst inzwischen beispielsweise komplett online studieren und gleichzeitig direkt ins Arbeitsleben starten. Dabei hast du nicht nur die Option, ein normales Studium zu absolvieren, sondern du kannst auch einen „Mini-Abschluss“ machen, der dich genau auf einen speziellen Beruf vorbereitet. Ein Beispiel dafür sind die sogenannten Nanodegrees auf der Online-Plattform Udacity (dort kannst du z. B. Web Development, Machine Learning oder Data Analysis lernen).

Anders als noch vor 20 Jahren kannst du heute ein Business starten, ohne große Risiken eingehen zu müssen. Du musst kein Ladengeschäft in der Innenstadt für mehrere Tausend Euro mehr anmieten, sondern kannst einen Onlineshop für 29 Euro im Monat betreiben und deine Produkte kostenfrei auf Plattformen wie Instagram oder Snapchat vermarkten, die dir Zugang zu Millionen potenzieller Kunden bieten. So sind bereits viele Unternehmen entstanden, die solide Umsätze generieren oder gar zweistellige Millionenumsätze machen. 

Alternativen zum klassischen Studium

Oft sind wir bereits überfordert, wenn wir uns im Supermarkt für eine Teesorte entscheiden müssen oder eine neue Jeans suchen. Wer kann sich da wundern, dass er damit überfordert ist, erfolgreich zwischen Zehntausenden Optionen nach dem Abitur zu navigieren?

Die scheinbar unbegrenzte Auswahl ist Fluch und Segen zugleich: Einerseits gibt immer mehr vielversprechende Pfade, die zu deinen Stärken passen. Andererseits musst du dich aber auch mit dieser riesigen Auswahl zurechtfinden und dich für einen Weg entscheiden. Das bereitet vielen Abiturienten Problemen, da du mit deiner Entscheidung für Option A gleichzeitig auf alle anderen verheißungsvollen Optionen verzichtest.

2. Du hast keine Ahnung, wie man eine Entscheidung trifft

In der Schule hast du zwar gelernt, wie du eine Gedichtanalyse schreibst und dass Kohlenstoffdioxid aus der Reaktion von Kohlenstoff mit Sauerstoff entsteht, aber dir wurde nie beigebracht, wie du eine gute Entscheidung triffst. 

Ohne einen zuverlässigen Entscheidungsprozess fehlt dir eine Strategie, um dich sinnvoll mit deinen Optionen auseinanderzusetzen und schließlich eine gute von einer schlechten Entscheidung zu trennen. Du kennst keinen der Schritte, die du bei einer wichtigen Entscheidung durchlaufen solltest.

Viele ehemalige Abiturienten erkennen deshalb erst rückblickend, dass sie sich falsch entschieden haben. Bei der nächsten Entscheidung begehen sie dann oft denselben Fehler, weil sie ihr Entscheidungsverhalten nicht überdenken. Deshalb hat jemand, der sein Studium einmal abgebrochen hat, ein erhöhtes Risiko, ebenfalls sein darauffolgendes Studium oder seine Ausbildung erneut ohne Abschluss zu beenden.

Wie sieht ein guter Entscheidungsprozess aus?

3. Die Reallöhne stagnieren (auch unter Akademikern)

Stell dir vor, dass dein Lohn pro Jahr durchschnittlich um zwei Prozent steigt. Wenn du im ersten Jahr 40.000 Euro verdienst, bekommst du im zweiten Jahr 40.800 Euro und nach zehn Jahren 48.800 Euro. Vielleicht hättest du dir eine stärkere Steigerung erhofft, aber immerhin kannst du dir jetzt 20 Prozent mehr leisten. Richtig? Falsch! 

Denn auch die Preise sind gestiegen. Alle Produkte und Dienstleistungen werden pro Jahr durchschnittlich ebenfalls rund zwei Prozent teurer. Nach 20 Jahren kostet dein Supermarkteinkauf nicht mehr 20, sondern 24 Euro. Dein Urlaub kostet nicht mehr 800, sondern 960 Euro.

Deine Gehaltssteigerung wird von den Preissteigerungen komplett aufgefressen. Du kannst dir, obwohl du nominal mehr verdienst, nicht mehr leisten. Dein Reallohn (der Lohn, der deine tatsächliche Kaufkraft beschreibt) ist nicht gestiegen. 

Aber wie sieht die Realität jenseits dieses konstruierten Beispiels aus? Die folgende Graphik zeigt die Reallohnentwicklung zwischen 1970 und 1991 im früheren Bundesgebiet sowie die zwischen 1991 und 2016 für Gesamtdeutschland. Auch ohne genaue Analyse erkennt man sofort, dass die beiden Kurven sehr unterschiedlich verlaufen. Im Zeitraum zwischen 1970 und 1991 lag die durchschnittliche Wachstumsrate des Brutto-Reallohns bei 1,63 Prozent. Der Durchschnittsdeutsche konnte sich also nach 20 Jahren knapp 40 Prozent mehr leisten. 

Ganz anders sieht die Entwicklung seit 1991 aus. Die jährliche Zuwachsrate lag nur bei 0,37 Prozent und über 20 Jahre insgesamt bei 7,5 Prozent. Im gleichen Zeitraum ist die Arbeitsproduktivität um 25 Prozent gestiegen. Sie beschreibt das Verhältnis von Arbeitsoutput (also Produkten und Dienstleistungen, die mithilfe des Arbeitseinsatzes geschaffen werden) zu Arbeitsinput (Anzahl der Arbeitsstunden). Wenn ein Arbeitnehmer 1991 durchschnittlich vier Autos produzierte, waren es im Jahr 2011 fünf Autos. Von diesem Produktivitätszuwachs haben sich Arbeitnehmer aber fast nichts sichern können.

Die Entwicklung der Brutto-Reallöhne in Deutschland seit 19702

Auch Akademiker sind von stagnierenden oder fallenden Reallöhnen betroffen. Diese Abbildung zeigt dir die Entwicklung der Reallöhne zwischen 2004 und 2017 für Absolventen der fünf beliebtestes Studiengänge. Sie alle können sich weniger leisten. Betriebswirte, die heute in den Arbeitsmarkt einsteigen, können sich beispielsweise 17 Prozent weniger leisten als noch im Jahr 2004. Der durchschnittliche Arzt in Deutschland muss sogar auf 50 Prozent seiner ehemaligen Kaufkraft verzichten. 

Auch Akademiker sind von fallenden Reallöhnen betroffen3
Auch Akademiker sind von fallenden Reallöhnen betroffen3

4. Unternehmen benötigen in Zukunft immer weniger Mitarbeiter

Apple, Facebook und Google hatten 2014 denselben Umsatz wie General Motors, Ford und Chrysler im Jahr 1990. Gleichzeitig hatten die drei Software-Unternehmen aber neunmal weniger Mitarbeiter und eine 30-fach höhere Börsenbewertung. 

Natürlich kann man aus diesem Beispiel allein keinen Trend ableiten. Doch viele Unternehmen in aufstrebenden Branchen benötigen im Durchschnitt weniger Mitarbeiter, um ihre Produkte zu entwickeln. Ein gutes Beispiel ist Software. Anders als etwa ein Fahrzeug muss sie nicht für jeden Kunden neu produziert werden, sodass Software-Unternehmen meistens weniger Mitarbeiter als Firmen in der Automobilbranche benötigen. 

Den größten Effekt auf die Beschäftigungsstruktur der Zukunft wird wahrscheinlich die Automatisierung haben. Von ihr sind alle Industrien betroffen. Verschiedene Studien schätzen, dass ungefähr 50 Prozent der heutigen Tätigkeiten automatisiert werden können. Menschliche Arbeiter werden schrittweise durch Algorithmen und Maschinen ersetzt. Davon sind sind nur mäßig ausgebildete Personen, sondern auch Akademiker und Expertenberufe betroffen. Beispielsweise bedroht Künstliche Intelligenz viele Berufe wie Finanzanalysten, Buchhalter oder Steuerberater, deren Arbeit zum Teil auf Mustererkennung und Datenverarbeitung basiert.

Insbesondere Berufseinsteiger sind von dieser Problematik besonders stark betroffen, da sie überproportional viele der automatisierbaren Tätigkeiten ausüben. Beim Berufseinstieg trägt man naturgemäß weniger Verantwortung als Personen in höheren Personen. Man hat einen höheren Anteil an repetitiven und berechenbaren Tätigkeiten. Als junger Buchhalter überprüft man beispielsweise Abrechnungen und analysiert deren Korrektheit, Vollständigkeit und Übereinstimmung mit den Rechnungslegungsstandards. Man leitet keine strategischen Meetings mit Kunden und entwickelt auch keine kreative Unternehmenstruktur, die zukünftige Steuerzahlungen minimieren sollen.

Das führt dazu, dass sich die Konkurrenz um die noch vorhandenen Arbeitsplätze in Zukunft verstärken wird. Es wird viele Akademiker mit ähnlichen Fähigkeiten geben, die alle um die verbleibenden Jobs konkurrieren werden. Gleichzeitig wird eine kleine Gruppe von Arbeitnehmern auch weiterhin gute Löhne erzielen, da sie weder von Algorithmen noch von anderen Menschen ersetzt werden können.

In Angesicht dieser Probleme ist es völlig normal, dass man Zukunftsangst verspürt. Schließlich möchte man zu der Gruppe gehören, die auch zukünftig gutbezahlt wird und an interessanten Aufgaben arbeitet. Deshalb stellen wir dir jetzt fünf Tipps vor, mit denen du auch im 21. Jahrhundert die richtige Entscheidung treffen kannst.

TEIL 2: Was kannst du tun, um deine Sorgen zu bekämpfen?

1. Verstehe, was du (nicht) ändern kannst!

Es gibt Dinge, die du beeinflussen kannst und andere Dinge, die du nicht beeinflussen kannst. Bei einer Segeltour kannst du weder das Wetter noch den Seegang beeinflussen, aber du kannst dich optimal auf alle Eventualitäten vorbereiten sowie auf Wetteränderungen reagieren und deinen Kurs anpassen. Das folgende Gedicht des amerikanischen Theologen Reinhold Niehbuhr bringt das Konzept auf dem Punkt:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Nicht anders ist es bei deiner Karriere: Du kannst dir nicht aussuchen, ob ein Beruf automatisiert wird oder ob eine Branche schrumpft oder wächst. Beispielsweise wirst du den Rückgang der Print-Industrie nicht aufhalten können, selbst wenn du dir dies als Lebensziel setzt. Genauso gibt es aber viele Dinge, die in deiner Kontrolle liegen: Du kannst etwa schrumpfende Industrien meiden und dich stattdessen auf wachsende Industrien konzentrieren. Genauso kannst du dein Engagement sowie deine Selbstdisziplin steuern und dich damit von der Masse abheben.

2. Entwickle Ideen für deine Zukunft und teste sie!

Die meisten Abiturienten wissen nicht, was sie nach der Schule machen möchten. Selbst viele Studenten, die ihr Studium abschließen, haben noch immer keine Ahnung, wie sie ihre Karriere starten sollen.

Wenn du dieses Problem vermeiden willst, solltest du Ideen generieren. Nicht eine, zwei oder drei Ideen, sondern eine Menge Ideen. Gute Ideen entstehen nur selten infolge eines genialen Einfalls. Sie bleiben meistens übrig, nachdem du Hunderte Ideen entwickelt und die schlechtesten 90 Prozent aussortiert hast.

Die Suche nach guten Ideen ähnelt der Suche nach Gold: Du kannst nicht nur auf ein paar Quadratzentimetern schürfen und erwarten, dass du erfolgreich bist. Wenn du aber 20 Quadratmeter durchsuchst, wirst du mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zumindest ein paar Gramm Gold finden.

Dann solltest du deine besten Ideen nicht nur recherchieren, sondern auch in der realen Welt erproben. Apple testet jedes neue iPhone vor dem Verkaufsstart auf Herz und Nieren. BMW, Audi und Mercedes-Benz machen bei jedem neuen Modell eine Reihe von Crashtests, bevor sie die Serienproduktion starten.

Genauso solltest du deine Ideen testen, damit du bereits vor deiner Entscheidung weißt, ob deine Erwartungen der Realität entsprechen. Falls du studieren willst, kannst du beispielsweise mit (ehemaligen) Studenten sprechen oder Berufseinsteiger für ein paar Tage in ihrem Beruf begleiten. So findest du auch heraus, ob deine favorisierte Alternative überhaupt auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt wird.

Recherche allein ist nicht gut genug

3. Frag andere um Rat, aber delegiere nie deine Entscheidung!

Einige Abiturienten orientieren sich bei ihrer Entscheidung und an den Ratschlägen anderer Personen. Meistens sind das ihre Eltern, Freunde oder Studienberater. Vielleicht wünscht sich dein Vater, dass du seine Arztpraxis oder Anwaltskanzlei fortführst. Öfter ist der Wunsch eher vage: Wahrscheinlich wünschen sich deine Eltern, dass du einen gut bezahlten Beruf mit hohem Status findest. Letzteres dürfte wohl auf die Mehrheit aller Eltern zutreffen. 

Problematisch wird dies aber erst, wenn du dich blind an diesen Ratschlägen orientierst und die Erwartungen anderer Personen eine große Rolle bei deiner Entscheidung spielen.  

Manche Abiturienten sind aber auch froh, wenn sie ihre Entscheidung an eine andere Person abtreten können. Sie sind sich der Tragweite ihrer Entscheidung bewusst und haben Angst, sich falsch zu entscheiden. Für sie ist ein Ratschlag dann nicht nur eine Hilfestellung, sondern entwickelt sich zu einer Fremdentscheidung: Sie folgen dem Ratschlag, ohne selbst zu recherchieren. 

Das wäre kein Problem, falls diese Ratschläge immer akkurat wären und keine negativen Konsequenzen hätten. Doch leider ist häufig genau das Gegenteil der Fall. Sie sind oft stark durch die eigene Biografie geprägt: Ein erfolgreicher Unternehmer empfiehlt dir, dein eigenes Unternehmen zu starten. Jemand, der mehrfach gescheitert ist, wird dich hingegen genau davor warnen und dir stattdessen den Tipp geben, dass du dir einen möglichst sicheren Job suchen solltest. Bevor du überhaupt daran denkst, einen Ratschlag in die Tat umzusetzen, solltest du dich immer fragen, von wem du diesen bekommen hast.

Noch nicht einmal auf Experten kannst du dich verlassen. Vorschläge von Studienberatungen basieren in der Regel auf Gesprächen sowie Interessen- und Persönlichkeitstests. Auf deren Grundlage werden dir dann Studiengänge und Ausbildungen vorgeschlagen. Das einzige Problem ist, dass dieser Zuordnungsmechanismus (genannt „Holland-Type-Match”) nicht gut funktioniert. Laut einer Meta-Studie, die verschiedene dieser Mechanismen in Beziehung zu der beruflichen Leistung setzt, korreliert der „Holland-Type-Match” nur schwach mit der beruflichen Leistung (r=0.1).4

Wenn du dich ohne eigene Analyse blind auf die Empfehlung einer Studienberatung verlässt, riskierst du ein böses Erwachen und findest teilweise im Studium heraus, dass du doch lieber etwas anderes machen möchtest.

4. Wenn du dir unsicher bist, solltest du flexible Fähigkeiten entwickeln!

Wenn du dir im Unternehmen eines Freundes beibringst, einen Gabelstapler zu manövrieren, wäre diese Fähigkeit für dich später nur dann nützlich, falls du tatsächlich Gabelstaplerfahrer werden möchtest. Viele Fähigkeiten fallen in diese Kategorie: Sie sind nur in einem sehr engen Rahmen nützlich.

Aber nicht alle Fähigkeiten sind so spezifisch auf eine bestimmte Tätigkeit zugeschnitten. Unabhängig davon, was du später machen möchtest, kannst du dir flexible Fähigkeiten aneignen, die du in fast jedem Beruf und jeder Branche anwenden kannst.

Wenn du etwa lernst, Software zu entwickeln, musst du dein Geld nicht zwangsläufig als Backend-Entwickler verdienen. Genauso könntest du später als Produktmanager, Unternehmensberater oder Lehrer arbeiten. Wenn du eine gute Idee hast, könntest du ebenfalls dein eigenes (Software-)Unternehmen aufbauen. Auf jedem dieser Pfade helfen dir deine Programmierkenntnisse – wenn auch auf unterschiedliche Weise – weiter.

Ein weiteres Beispiel ist dein sprachliches Ausdrucksvermögen. Wenn du deine Gedanken mündlich und schriftlich überzeugend ausdrücken kannst, öffnet dir das in jedem Beruf Türen, die anderen verschlossen bleiben.

Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen deiner Unsicherheit und dem optimalen Level an Flexibilität: Wer sich sicher ist, was er machen möchte, muss sich nicht darum sorgen, ob er sich flexible Fähigkeiten aneignet. Denn diese Person wird ihren geplanten Pfad ohnehin nicht verlassen. Ein Beispiel dafür ist ein Medizinstudent, der später auf jeden Fall als Chirurg arbeiten möchte.

Umgekehrt wird Flexibilität umso wichtiger, je unsicherer du dir bist. Vielleicht möchtest du dir mehrere Optionen offen halten. Oder dein Zukunftsplan liegt noch im Nebel: Du hast zwar eine ungefähre Idee, in welche Richtung du dich bewegen möchtest, aber dir fehlt ein klares Ziel, das dich überzeugt. Genauso könnte es sein, dass die Unsicherheit externer Natur ist. Eventuell ist dein favorisierter Pfad voller Hürden: Die Konkurrenz ist extrem stark und außerdem werden viele Tätigkeiten des Berufes automatisiert. In all diesen Fällen wird Flexibilität auf einmal extrem wertvoll.

5. Schaue bei deiner Entscheidung auf viele unterschiedliche Faktoren!

Viele Abiturienten treffen ihre Entscheidung basierend auf einem einzigen Faktor. Oft ist das ihr Interesse an der Option oder das Einstiegsgehalt, welches sie erzielen können. Sie entscheiden sich dann für die Alternative, die sie am stärksten interessiert oder die ihnen das höchste Gehalt bietet.

Viele Abiturienten achten allein auf das Einstiegsgehalt oder ihre Leidenschaft

Die Idee, sich aufgrund seiner Leidenschaft für eine Alternative zu entscheiden, klingt logisch: Wenn du deine Leidenschaft findest und dann einen passenden Beruf ausfindig machst, scheinst du damit das perfekte Rezept für eine erfolgreiche Karriere gefunden zu haben. Du musst keinen Tag mehr in deinem Leben arbeiten, da du Spaß an deiner Tätigkeit hast und jeden Morgen voller Tatendrang aus deinem Bett springst. Die Realität sieht jedoch anders aus: Die meisten jungen Menschen haben keine (karriererelevante) Leidenschaft. Selbst falls du eine Leidenschaft hast, kannst du damit wahrscheinlich kein Geld verdienen. Hinzu kommt, dass deine Interessen nicht in Stein gemeißelt sind. Vor zehn Jahren hast du noch mit Barbie und Ken oder der Modelleisenbahn gespielt, heute interessierst du dich für andere Dinge. Und in zehn Jahren wirst du wieder andere Interessen haben. In diesem Post haben wir uns detailliert mit der Rolle von Leidenschaft in deinem Berufsleben beschäftigt.

Wenn du dich ausschließlich auf dein Einstiegsgehalt fokussierst, stehst du vor ähnlichen Problemen. Es muss noch nicht einmal die beste Metrik sein, falls du dein Gehalt mittel- bis langfristig maximieren willst. Denn du weißt im Zweifelsfall nicht, wie hoch deine Erfolgschancen sind und wie viel du bei dieser Option lernst. In einem Job, der zwar eine gute Bezahlung bietet, aber in dem du bereits nach kurzer Zeit nichts Neues mehr lernst, qualifizierst du dich nicht für höhere Aufgaben. Oder du findest heraus, dass du zwar ein solides Einkommen generierst, aber dennoch unglücklich bist. 

Selbst wenn du eine klassische Pauschalreise buchst, willst du ein paar Dinge sicherstellen: Dein Hotel sollte mindestens drei Sterne haben, damit du keine Kakerlaken im Badezimmer findest. Du suchst eine Region mit wenigen Regentagen im Monat, sodass du nicht bei Regen die Poolbar besuchen musst und du vergewisserst dich, dass das Hotel ein Fitnessstudio hat, weil du auch im Urlaub deinen Trainingsplan umsetzen willst. Vielleicht möchtest du zusätzlich ein paar interessante Ausflugsziele im Umkreis deines Hotels haben. Für eine relativ simple Urlaubsentscheidung hast du also in diesem Fall bereits vier Faktoren definiert, die dir wichtig sind.

Wer ein Hotel oder eine Reise bucht, berücksichtigt meistens mehrere faktoren

Bei komplexen Karriereentscheidungen hingegen konzentrieren sich viele Menschen nur auf ihre Leidenschaft. Die Entscheidung ähnelt dann eher einem Glücksspiel, da man viele andere Faktoren unberücksichtigt lässt, die sich ebenfalls positiv oder negativ auswirken: Können Teile des Berufes automatisiert werden? Wächst oder schrumpft die Branche in Zukunft? Wie stark ist die Konkurrenz in diesem Bereich? Auch der spätere Arbeitserfolg und die Arbeitszufriedenheit hängen von mehreren Faktoren ab. Studien zeigen etwa, dass es wichtig ist, ob dich deine Arbeit ausreichend herausfordert und du sie als sinnvoll empfindest.

Es gibt viele andere Faktoren, die die Attraktivität deiner Optionen beeinflussen

All diese Fragen solltest du beantworten, bevor du dich entscheidest. Wenn du mehrere Faktoren berücksichtigst, kannst du dich auf deine Entscheidung verlassen, ohne dass du mit einer bösen Überraschung rechnen musst. Du kannst etwa das Automatisierungsrisiko einschätzen und weißt bereits vorher, was dich im Arbeitsalltag erwartet.

In unserem Newsletter zeigen wir dir unter anderem, welche Fehler Abiturienten typischerweise bei ihrer Entscheidung begehen, was du bei einer Zukunftsentscheidung im 21. Jahrhundert beachten solltest und wie du gute Ideen für deine Zukunft entwickeln kannst. 

Die wichtigsten Infos jeden Samstag in deinem E-Mail-Posteingang.

Entdecke deinen Weg nach dem Abitur.

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Referenzen

  1. Bildquelle: Google-Suchergebnisse zum Suchbegriff „Zukunftsangst nach dem Abitur”
  1. Datenquelle: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen. Fachserie 18 Reihe 1.5. Statistisches Bundesamt (Destatis). 2017. https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/VolkswirtschaftlicheGesamtrechnungen/Inlandsprodukt/InlandsproduktsberechnungLangeReihenPDF_2180150.pdf?__blob=publicationFile (Abrufdatum: 12.03.2018).
  1. Datenquellen: Gehaltsatlas: Das verdienen BWL-Absolventen 2017. gehalt.de. https://www.gehalt.de/news/gehaltsatlas-das-verdienen-bwl-absolventen-2017 (Abrufdatum: 12.03.2018); Einstiegsgehälter Ingenieure 2016. ingenieur.de. https://www.ingenieur.de/einstiegsgehaelter/ (Abrufdatum: 12.03.2018); Blindert, U. Einstiegsgehalt Informatik, IT, Wirtschaftsinformatik & Co. (mit aktuellen Zahlen!). karriereletter.de. 8. Februar, 2017. https://www.karriereletter.de/einstiegsgehalt-informatik/ (Abrufdatum: 12.03.2018); Einstiegsgehälter für Absolventen: Eine Analyse der IG Metall für die Bereiche Automobil, Elektro, IT, Maschinenbau und Telekommunikation. IG Metall. 2004. https://dialog.igmetall.de/uploads/media/Einstgehalt_Absolventen.pdf (Abrufdatum: 12.03.2018); Reallöhne sind seit 1990 um bis zu 50 Prozent gesunken. spiegel.de, 6. Januar, 2010. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/studie-realloehne-sind-seit-1990-um-bis-zu-50-prozent-gesunken-a-670474.html (Abrufdatum: 12.03.2018); Gehaltsreport 2017 für Fach- und Führungskräfte. stepstone.de, 2017. https://www.stepstone.de/gehaltsreport/pdf/StSt_Gehaltsreport_2017_Fach_Fuehrungskraefte.pdf (Abrufdatum: 12.03.2018)
  1. Schmidt, Frank L., and John E. Hunter. „The validity and utility of selection methods in personnel psychology: Practical and theoretical implications of 85 years of research findings.“ Psychological bulletin 124.2 (1998): 262. http://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/download?doi=10.1.1.172.1733&rep=rep1&type=pdf (Abrufdatum: 12.03.2018).

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