Der ultimative Guide:
Solltest du Medizin studieren?

Jedes Jahr bewerben sich ca. 43.000 Personen für ein Medizinstudium. Nur 9.000 von ihnen bekommen einen Studienplatz. Wir schauen auf die Vor- und Nachteile des Studiums, den heutigen und zukünftigen Arbeitsmarkt für Mediziner und verschiedene Wege zu einem der begehrten Studienplätze.

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Worum geht es?

Um als Arzt arbeiten zu können, brauchst du ein abgeschlossenes Studium der Humanmedizin. Vom ersten Studientag bis zur letzten Prüfung vergehen im Durchschnitt 6,5 Jahre, was knapp über der Regelstudienzeit von 6 Jahren liegt. Dann darfst du als Arzt tätig werden, Krankheiten diagnostizieren und Patienten im Krankenhaus behandeln. Du verdienst dein erstes Geld als Assistenzarzt. Deine Ausbildung ist damit aber noch nicht beendet. Danach entscheidest du dich in der Regel für einen medizinischen Fachbereich, auf den du dich spezialisieren möchtest. Das könnte etwa die Gefäßchirurgie, die Radiologie oder die Orthopädie sein. Egal für welchen der 33 Fachbereiche du dich entscheidest: Es dauert noch einmal fünf bis sechs Jahre, bis du den Facharzttitel tragen darfst. Insgesamt musst du also – je nach Studiendauer und Facharztausbildung – mit 11 bis 13 Ausbildungsjahren von deinem Abitur bis zum Facharzt rechnen.

Anders sieht es aus, falls du mit deinem Numerus Clausus keinen Studienplatz bekommst. Dann musst weitere sieben Jahre (!) Wartezeit einkalkulieren. Wenn du dein Studium beginnst, haben andere Abiturienten deines Jahrgangs bereits ihr Medizinstudium abgeschlossen und ihr erstes Arbeitsjahr absolviert.

TEIL 1: Pro und Kontra

Die Gründe für ein Medizinstudium

Ärzte sind zufrieden mit ihrer Arbeit

Laut einer repräsentativen Umfrage des Ärztemonitors von mehr als 10.000 niedergelassenen Ärzten in Deutschland sind 91 Prozent mit ihrer Arbeit zufrieden. 96 Prozent macht ihre Arbeit Spaß, und 98 Prozent finden ihren Beruf sinnvoll und nützlich. Das ist vor allem dann beeindruckend, wenn man die Ärzteschaft mit dem durchschnittlichen Arbeitnehmer vergleicht. Denn insgesamt ist nur jeder Zweite zufrieden mit seiner Arbeit. Als Arzt hat man also ein deutlich geringeres Risiko, unzufrieden mit seiner Arbeit zu sein.

Deutsche Klinik-Ärzte liegen schon näher am Bevölkerungsdurchschnitt. In einer Umfrage aus dem Jahr 2012 schätzten „nur” 70 Prozent ihren Arbeitsplatz als attraktiv ein. Sechs von zehn Ärzten waren mit ihren Arbeitsbedingungen zufrieden.

Ein ähnliches Bild zeichnen internationale Studien: In den USA sind laut einer Gallup-Umfrage 95,5 Prozent der Ärzte glücklich mit ihrem Beruf. Eine Studie im Vereinigten Königreich hat 274 Berufe nach ihrer Lebenszufriedenheit geordnet: Mediziner landeten hier auf dem siebten Platz.

Die Umfragen zeigen auch, dass der Beruf Stress und Burn-outs verursachen kann. In der Umfrage des Ärztemagazins beschreiben sich 29 Prozent der Ärzte als ausgebrannt. Eine amerikanische Studie vergleicht Ärzte mit der Bevölkerung und findet ein signifikant höheres Risiko für Burn-out und Unzufriedenheit mit der Work-Life-Balance.

91 Prozent der niedergelassenen Ärzte in Deutschland sind zufrieden mit ihrer Arbeit.

Gleichzeitig fühlen sich 29 Prozent der niedergelassenen Ärzte in Deutschland ausgebrannt.

Ärzte verdienen überdurchschittlich gut

Ärzte gehören zu den am besten verdienenden Berufsgruppen. Laut dem Gehaltsreport 2017 von StepStone lag das durchschnittliche Einkommen von Medizinern 2016 bei 79.538 Euro. Damit liegen sie 62 Prozent über dem Durchschnittsgehalt eines vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmers (48.900 Euro). Grundsätzlich variiert das Einkommen abhängig vom Dienstalter und Beförderungen (Assistenzärzte verdienen deutlich weniger als Fachärzte), der Fachrichtung (z. B. Allgemeinmedizin, Chirurgie oder Radiologie) und dem Ort (sowohl inter- als auch national).

Die Einstiegsgehälter von Assistenzärzten in Deutschland und der Schweiz

Das Einstiegsgehalt für Assistenzärzte liegt bei ungefähr 52.800 Euro brutto pro Jahr. Damit bleiben einem Single ungefähr 2.800 Euro netto pro Monat übrig. Einige Absolventen zieht es ins besser bezahlte Ausland, etwa in die Schweiz. Dort erzielt ein Assistenzarzt umgerechnet 70 Prozent mehr Gehalt (91.200 Euro brutto). In der eigenen Tasche verbleiben – aufgrund der niedrigen Steuern – sogar ca. 6.000 Euro in Monat, was dem doppelten des deutschen Gehalts entspricht. Selbst wenn man berücksichtigt, dass Produkte und Dienstleistungen in der Schweiz durchschnittlich 55 Prozent teurer sind als in Deutschland, kann man sich noch immer 40 Prozent mehr „leisten“.

Die Einkommen von Medizinern Schwanken nicht besonders stark

Mediziner haben deutlich kleinere Einkommensschwankungen als andere Berufsgruppen. Die Bezahlung in Krankenhäusern erfolgt nach Tarif, die Abrechnung von Kassenpatienten orientiert sich an der Budgetierung der Krankenkassen. Bereits am Einstiegsgehalt kann man die geringe Varianz ablesen: Assistenzärzte werden nach Tarif bezahlt und bekommen 52.800 Euro im Jahr. Bei Jung-Anwälten und -Betriebswirten hingegen schwankt das Einkommen bei ähnlichem Durchschnitt zwischen 25.000 Euro und 140.000 Euro. Ein weiteres Beispiel sind die Reinerträge von niedergelassenen Ärzten: Die unteren 19 Prozent der Praxisinhaber erzielen einen Reinertrag von 83.000 Euro, die oberen 14 Prozent kommen auf 331.000 Euro. Einem selbstständigen Einzelanwalt bleiben hingegen teilweise nur 35.000 Euro Gewinn pro Jahr übrig, während Partner in den Top-Kanzleien bis zu einer Million Euro pro Jahr verdienen können. Insgesamt gibt es in anderen Branchen wie zum Beispiel Finance oder Jura – bei ähnlichem Durchschittseinkommen – eine größere Variation der Einkommen. Das liegt teilweise daran, dass es in der Medizin kein „Up-or-Out”-System gibt. Für Ärzte im Krankenhaus ist das Einkommen abhängig von den Dienstjahren und ihren Beförderungen. Und diese (z. B. vom Facharzt zum Oberarzt) sind oft besser zu antizipieren als in den meisten anderen Branchen.

Die folgende Graphik gibt dir einen Überblick über deine Verdienstmöglichkeiten als Mediziner in Abhängigkeit von deinem eingeschlagenen Weg (Klinik-Arzt, angestellter Arzt in einer Praxis oder Selbstständigkeit als niedergelassener Arzt):

Verdienstmöglichkeiten und Karrierewege

Verschiedene Spezialisierungen für unterschiedliche Interessen

Die 33 verschiedenen Facharztausbildungen lassen Raum für deine individuellen Interessen und Stärken. Mit hervorragenden feinmotorischen Fähigkeiten könntest du ein erstklassiger Chirurg werden. Wenn du dich hingegen für genetische Zusammenhänge interessierst, willst du dich vielleicht eher auf Humangenetik konzentrieren. Als Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin bist du wiederum häufig beratend tätig und beschäftigst dich mit der Praxis- und Krankenhaushygiene. Dieses Thema etwa ist hochaktuell: Immer mehr Menschen infizieren sich in Krankenhäusern mit multiresistenten Bakterien. Ein Teil der Betroffenen stirbt sogar an diesen Infektionen, wenn selbst Reserve-Antibiotika nicht mehr wirken. Während Chirurgen und Anästhesisten vor allem praktisch und direkt am Patienten arbeiten, analysieren Radiologen und Histologen Aufnahmen bzw. Proben und übermitteln dem Patienten lediglich die Diagnose.

Im Ärzte-Kosmos finden sich also vielfältige Spezialisierungen, die jeweils andere Tätigkeiten und Aufgaben in den Vordergrund stellen. Nicht jeder Arzt operiert oder untersucht Patienten. Innerhalb der Medizin eröffnen sich dir grundsätzlich viele verschiedene Karrierepfade. 

Anzahl der Ärzte nach Fachbereich (2016)

Status und Prestige

Als zukünftiger Arzt hast du einen angesehenen Beruf. Laut einer Forsa-Umfrage zum Berufsprestige von 2016 denken 87 Prozent der Deutschen, dass Ärzte ein sehr hohes Ansehen genießen. Damit liegen sie auf dem zweiten Platz hinter Feuerwehrmännern (93 Prozent). International ergibt sich das gleiche Bild: Überall haben Ärzte ein hohes Ansehen in der Gesellschaft. Mit der Entscheidung für ein Medizinstudium entscheidest du dich also auch für eine Karriere mit Prestige. Das ist keine Überraschung: Denn als Arzt hat man sich erfolgreich gegen viele andere Interessenten für einen Studienplatz durchgesetzt, blickt auf hervorragende Gehaltsaussichten und hilft anderen Menschen, die in Not sind. Diese drei Dinge verleihen dem Beruf zusammen eine besondere Aura. Aber warum ist das relevant?

Ärzte genießen – anders als viele andere Berufe – ein hohes Ansehen in der Bevölkerung

  • Vorteile bei Transaktionen. Wenn du später eine Wohnung mieten willst, einen Kredit beantragen möchtest oder einen Investor für ein Projekt suchst, profitierst du von dem Prestige, das deinen Job umgibt. Losgelöst von deinem stabilen Einkommen werden sich viele Personen – zumindest unbewusst – auch an deinem Status orientieren, wenn sie Verträge mit dir abschließen.
  • Vorteile bei der Partnerwahl. Dieser Punkt kommt vor allem Männern zu Gute. Frauen fühlen sich grundsätzlich zu Männern mit hohem sozialen Status hingezogen. Dieser Selektionsmechanismus hat sich über Tausende Generationen Evolution entwickelt. Früher waren Personen, die der Gruppe regelmäßig eine große Beute brachten, am oberen Ende der Dominanzhierachie. Heute sind es Personen in kompetitiven Berufen, die sich gegen zahlreiche andere Interessenten durchgesetzt haben. Nicht ohne Grund landen Ärzte bei Tinder unter den Top 4 der attraktivsten Berufe. Als (erfolgreicher) Arzt kann aus einem größerem Pool an interessierten Partnern auswählen.
  • Genereller Vertrauensvorschuss in vielen Lebenslagen. Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient überträgt sich auch auf das Privatleben. Im Konkakt mit Fremden neigen Personen dazu, eher Ärzten als Versicherungsmaklern oder Bankern zu vertrauen.

Sich allein aus Statusgründen für ein Medizinstudium zu entscheiden, ist allerdings eine schlechte Idee. Viel wichtiger sollten zum Beispiel deine Stärken und Interessen sein. Wenn du etwa kein Interesse daran hast, kranken Menschen zu helfen, wirst du in einem völlig falschen Beruf landen. Stattdessen sollten diese Überlegungen eher eine unterstützende Funktion haben: Vorausgesetzt, dass alle wichtigen Faktoren erfüllt sind, ist das Prestige der Karriere ein zusätzlicher Grund für diese Option. Für alle anderen gibt es viele alternative Karrierepfade, die ebenfalls mit einem hohen sozialen Status verknüpft sind.

Die Gründe gegen ein Medizinstudium

Du rettest viel weniger Leben als du denkst

Viele Abiturienten entscheiden sich aus altruistischen Motiven für ein Medizinstudium: Sie wollen Menschen helfen, Leben retten und einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen. Tatsächlich hat ein (zusätzlicher) Arzt aber einen deutlich kleineren Effekt als häufig vermutet wird. Woran liegt das?

  1. Man generiert nur einen kleinen Zusatznutzen. Wenn du in deinen Schuhschrank schaust, findest du dort als Frau durchschnittlich 17,3 und als Mann 8,2 Schuhpaare. Aber nicht jedes Paar Schuhe ist gleich wichtig: Wenn du gar keine Schuhe hättest, müsstest du dich barfuß oder auf Socken von A nach B bewegen. Das erste Paar Schuhe ist also unentbehrlich. Zusätzlich brauchst du noch Schuhe für verschiedene Zwecke: Sportschuhe, Business-Schuhe, Winterschuhe und Flip Flops. Nachdem du aber all diese Bedürfnisse abgedeckt hast, verschafft dir das nächste Paar Schuhe nur noch einen minimalen Nutzen.

Ein ähnlicher Zusammenhang besteht auch zwischen der Anzahl der Ärzte in einem Versorgungsgebiet und deren Effekt auf die Gesundheit der Patienten. Gibt es in einem Gebiet keinen Arzt, sterben wir – ohne Zugang zu Medikamenten und Behandlungen – an allerlei Krankheiten. Sobald es jedoch ein paar Ärzte gibt, reduzieren sich Krankheiten und Todesfälle enorm. Zusätzliche Spezialisten für bestimmte Fachgebiete (z. B. Kardiologen) verbessern weiter die Gesundheit. Doch ab einer bestimmten Ärztedichte können alle Menschen in einem Versorgungsgebiet behandelt werden. Der nächste zusätzliche Arzt bringt dann nur noch einen geringen Nutzen (z. B. verringerte Wartezeit), ähnlich dem 23. Paar Schuhe im Schuhschrank.

Gregory Lewis, Arzt für öffentliche Gesundheit, hat genau diesen Zusammenhang untersucht: Er hat die Anzahl der Ärzte ins Verhältnis zu den sogenannten Disease-adjusted Life Years (DALYs) gesetzt. Sie geben an, wie viel Lebenszeit durch einen vorzeitigen Tod und Einschränkungen wie Behinderungen oder Krankheiten verloren geht. Seine Ergebnisse bestätigen die obigen Überlegungen: Die ersten Ärzte reduzieren die DALYs stark, dann nimmt der „Zusatznutzen” des nächsten Arztes jedoch immer weiter ab. In Deutschland bewegen wir uns mit 221 Ärzten pro 100.000 Einwohnern am flachen Ende der Kurve: Wir sind so gut versorgt, dass ein zusätzlicher Arzt nur noch einen schwachen Effekt hat. Lewis schätzt, dass ein zusätzlicher Arzt in seiner gesamten Karriere das Äquivalent von 25 Menschenleben rettet.

Welchen Nutzen (Reduzierung der DALYs) bringt ein zusätzlicher Arzt?

  1. Du ersetzt nur einen anderen Arzt. Wenn du dich gegen ein Medizinstudium entscheidest, gibt es nicht auf einmal einen Arzt weniger. Stattdessen nimmt eine andere Person deinen Platz ein. Denn wie wir bereits gesehen haben, gibt es ungefähr fünfmal mehr Interessenten als Studienplätze. Da die Konkurrenz um die Studienplätze extrem ist, besteht auch meistens kein „Qualitätsunterschied” zwischen dir und dem nächstbesten Bewerber. Anders herum ausgedrückt: Bloß weil du dich dazu entscheidest, Mediziner zu werden, gibt es nach deinem Studium nicht einen Arzt mehr. Nur falls deine Arbeit als Arzt überdurchschnittliche Ergebnisse liefern würde (z. B. weil du ein begnadeter Chirurg wärest), könntest du mit deiner Entscheidung für ein Medizinstudium immerhin die „durchschnittliche Arztqualität” in Deutschland marginal erhöhen.

Es gibt fünfmal mehr Interessenten als Studienplätze

  1. Du kannst immer nur einen Patienten untersuchen. Als Arzt kannst du immer nur einen Patienten behandeln. Du kannst nicht in drei Operationssälen gleichzeitig arbeiten oder simultan zwei Behandlungen verordnen. Anders als beispielsweise Softwarelösungen lässt sich deine Arbeit als Arzt nicht skalieren. Deine Arbeitszeit setzt ein Limit für den Effekt deiner Arbeit.

Wartesemester und Opportunitätskosten

Seit dem Wintersemester 2015/16 musst du 14 Semester auf einen Studienplatz für Humanmedizin warten, wenn dein Numerus Clausus nicht für einen direkten Studienbeginn ausgereicht hat. Normalerweise hättest du in dieser Zeit dein Medizinstudium abgeschlossen und würdest bereits seit einem Jahr als Assistenzarzt arbeiten. Studenten anderer Fächer arbeiten bereits seit mehreren Jahren. Dadurch verlierst du – im Vergleich zu einem sofortigen Studienstart – viel Geld. In den sieben Jahren Überbrückungszeit kannst du zwar eine Ausbildung absolvieren (900€ pro Monat über 3 Jahre) und dir dann für weitere vier Jahre eine Vollzeitstelle (2.000€ pro Monat über 4 Jahre) suchen, aber du wirst dabei insgesamt nur knapp 130.000 Euro brutto verdienen. Danach musst noch mindestens sechs Jahre studieren, bis du dein erstes Einkommen als Assistenzarzt erzielen kannst. Ohne Wartesemester hingegen hättest du zu diesem Zeitpunkt bereits sieben Jahre als Arzt gearbeitet und in dieser Zeit (inkl. Gehaltserhöhungen nach Tarif) ca. 400.000 Euro verdient. Aus rein finanzieller Sicht verlierst du also 270.000 Euro brutto, falls du sieben Jahre auf einen Studienplatz wartest. 

Allein daraus lässt sich schlussfolgern, dass man auf jeden Fall seine Wartezeit minimieren sollte. Ein kostenpflichtiges Studium an einer privaten Hochschule in Deutschland oder im Ausland, das beispielsweise 15.000 Euro pro Jahr kostet, ist oft eine bessere Entscheidung als auf einen Studienplatz zu warten. 

Die Wartezeit fällt außerdem in der produktivsten Zeiten deines Lebens an. Zwischen deinem 20. und 30. Lebensjahr hast du praktisch unbegrenzte Energie, dein Körper ist noch vom biologischen Zerfall verschont und du hast (oft) noch keine Verpflichtungen wie eine eigene Familie. In diesen Jahren solltest du „das Gaspedal komplett durchtreten” und den Grundstein für deine Zukunft legen. In diesem Zeitfenster sieben ganze Jahre in einer Art Warteposition zu verharren, erscheint uns verschwenderisch zu sein. Oft ist es klüger, sich nicht in diese Warteschlange einzureihen und stattdessen einen anderen Weg einzuschlagen. 

Die Konkurrenz ist hoch

Zum Wintersemester 2014/15 gab es 9.000 Studienplätze und 43.000 Interessenten. Nur jeder Fünfte konnte also ein Humanmedizinstudium beginnen. Die Studienplätze werden nach der 20-20-60-Regel vergeben: 20 Prozent gehen an die Abiturienten mit dem besten Notendurchschnitt. Weitere 20 Prozent gehen an Personen, die genügend Wartesemester (inzwischen sind es 14) angesammelt haben. Die restlichen 60 Prozent werden von den Universitäten nach ihren eigenen Kriterien vergeben: Manche verlassen sich auch hier ausschließlich auf den Numerus Clausus, andere führen zusätzlich Auswahlgespräche oder berücksichtigen den Medizinertest. Einige dieser Universitäten errechnen einen Durchschnitt aus Medizinertest und Abinote, andere rechnen das Ergebnis auf den Numerus Clausus an. So kann man, wenn man im Medizinertest zu den besten 10 Prozent zählt, seinen NC an einigen Unis z. B. von 2,0 auf 1,2 verbessern. Aber natürlich machen auch viele Abiturienten mit einem hervorragenden Notendurchschnitt den Medizinertest, sodass sie ihren Vorteil nicht einbüßen. Damit relativieren sich umgekehrt für den „durchschnittlichen Abiturienten” häufig selbst gute Ergebnisse im Medizinertest.

Um mit Sicherheit einen der begehrten Plätze zu ergattern, braucht man je nach Bundesland einen NC von 1,0 oder 1,1. Das schaffen nur 1,5 Prozent aller Abiturienten. Bezogen auf die jährlich 40.000 Interessenten kann sich also nur ein Bruchteil sicher sein, tatsächlich einen Studienplatz zu bekommen. 

Der Medizinertest, der etwa das visuelle Vorstellungsvermögen, das naturwissenschaftliche Grundverständnis und die Gedächtnisleistung testet, ist im Grunde genommen nichts anderes als ein Intelligenztest. Er filtert Personen mit starken kognitiven Fähigkeiten heraus. Eine Studie aus dem Jahr 1972, die auf Daten zwischen 1940 und 1972 basiert, hat unter Ärzten und Medizinstudenten einen durchschnittlichen IQ zwischen 125 und 130 festgestellt. Das heißt, dass der durchschnittliche Arzt zu den intelligentesten 5 bis 2,5 Prozent der Bevölkerung zählt. Man sollte sich selbst ungefähr in dieser IQ-Region verorten, falls man später keine Nachteile im Beruf haben möchte.

Die Universitäten selektieren aufgrund der hohen Nachfrage nach intelligenten und gewissenhaften Personen. Studienplätze für Humanmedizin sind ungefähr genauso umkämpft wie Zusagen für die Top-Studiengänge in Stanford oder Harvard.

Sobald man aber von einer Universität akzeptiert wurdet, hat man das dünnste Nadelöhr passiert. Sofern man grundsätzlich mit den Medizinstudium die richtige Wahl getroffen hat, stehen nach der Zusage die Chancen auf eine erfolgreiche Karriere als Arzt relativ gut.

Teuer erkaufte Flexibilität

Mit einem abgeschlossenen Medizinstudium kannst du auch eine alternative Karriere einschlagen. Insgesamt 12 Prozent aller Absolventen arbeiten nicht als praktizierender Arzt, sondern gehen einer anderen Tätigkeit nach. Wenn du einen guten Abschluss machst, steht dir zum Beispiel eine Karriere als Berater oder Investmentbanker offen. Andere Absolventen arbeiten in der Gesundheitspolitik oder in der Forschung. Auch Unternehmen wissen, dass man intelligent und diszipliniert sein muss, um (a) einen Studienplatz zu bekommen und dann (b) innerhalb dieser Gruppe besser als andere abzuschneiden. 

Anders als bei einem Bachelorstudium investierst du nicht drei, sondern sechs bis sieben Jahre bis zu deinem Abschluss. Du studierst also drei bis vier Jahre länger. Das lohnt sich nur, wenn du dir zu 100 Prozent sicher bist, dass du auch als Arzt arbeiten möchtest. Wenn es dir darum geht, deine Optionen offen zu halten und flexibel zu bleiben, ist ein Medizinstudium die falsche Wahl. Dafür sind andere Alternativen, wie etwa ein BWL- oder Mathestudium, besser geeignet.

Versunkene Kosten, 1,0er-Abitur und Erwartungen

Von den Abiturienten mit einem Abitur von 1,0 entscheiden sich mindestens 36 Prozent für ein Medizinstudium. Mehr als jeder Dritte mit einem perfekten Abitur möchte also Arzt werden. Aber warum? Einerseits ist denkbar, dass Schüler, die Medizin studieren wollen, besonders hart arbeiten und deshalb einen größeren Anteil der 1,0er-Abiturienten stellen. Andererseits kann es aber auch sein, dass sich diese Schüler für Medizin entscheiden, weil sie zu der kleinen Gruppe gehören, denen diese Entscheidung überhaupt offen steht. Zusätzlich „lockt” Medizin mit einem hohen Status des Berufsstandes, dem Bild des „High-Achievers” und guter Bezahlung. Da wird die Entscheidung für das Studium schnell zum Selbstläufer. 

Gefährliche Erwartungen und Gedanken

Gefährliche Erwartungen und Gedanken

Wer hart für einen Medizinstudienplatz gearbeitet hat, orientiert sich selten um. Selbst wenn sich in der Zwischenzeit die Interessen geändert oder sich neue Möglichkeiten ergeben haben, denken nur wenige Abiturienten ernsthaft über Alternativen nach. Schließlich steht nun die Tür zum Studium offen. Dafür man hat jede Menge Zeit investiert, auf Parties und Zeit mit Freunden verzichtet. Und nun soll man diese Chance, nach der sich zahlreiche andere Abiturienten sehnen, einfach wegwerfen? 

Diese Denkweise ist in der Wissenschaft als „Sunk-Cost-Fallacy” bekannt. Versunkene Kosten sind Kosten, die bereits entstanden sind und nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Deshalb sollten sie bei deinen zukünftigen Entscheidungen auch keine Rolle spielen. Tatsächlich tun wir oft das genaue Gegenteil.

Ein Beispiel: Du hast Kinokarten für heute Abend gekauft. Nachmittags ruft dein bester Freund an und lädt dich spontan zu einer Party ein. Obwohl du viel lieber deinen Freund wiedersehen würdest, sagst du ab, da du bereits die Kinokarten gekauft hast. Die Kosten für das Kino hast du aber bereits getätigt. Ob du dir den Film anschaust oder nicht, ändert daran nichts. Der einzige sinnvolle Vergleich ist der zwischen den zukünftigen Kosten und Nutzen deiner Alternativen.

Wenn du dich richtig entscheiden willst, solltest du also bei deiner Entscheidung für oder gegen ein Medizinstudium nicht mit deiner bereits investierten Zeit für ein gutes Abitur argumentieren.  

Schließlich spielen oft die Erwartungen der Eltern eine große Rolle. Du sollst die Praxis übernehmen oder die Familientradition fortführen. Egal, ob diese Erwartungen direkt („Du studierst Medizin oder du wirst enterbt.”) oder indirekt („Es wäre sehr schade, wenn ich meine Praxis verkaufen müsste.”) kommuniziert werden, sie haben einen großen Einfluss auf deine Entscheidung. Und das ist problematisch, wenn sie damit deine innere Stimmen übertönen, die eigentlich etwas anderes machen möchte. Dann legst du den Grundstein für deine spätere Unzufriedenheit.

TEIL 2: Der Arbeitsmarkt für Mediziner – Heute und in Zukunft

ÄrzteMangel oder Ärzteschwemme?

Jeder angehende Mediziner fragt sich, ob es zu viele Ärzte oder zu wenige Ärzte gibt. Denn ein Überangebot von Ärzten verschärft die Konkurrenz, während ein Mangel grundsätzlich eine gute zukünftige Einkommenssituation verspricht. Obwohl die Problematik extrem komplex ist, wollen wir zumindest sechs wichtige Aspekte beleuchten:

  1. Die Anzahl der Ärzte ist gestiegen. Seit 1990 hat sich die Gesamtzahl der Ärzte in Krankenhäuser und Praxen von 237.750 auf 378.600 erhöht. Das entspricht einer Steigerung von 60 Prozent. Die Anzahl der ambulant tätigen Ärzte hat sich im gleichen Zeitraum ebenfalls um ca. 60 Prozent auf 150.000 erhöht. Grundsätzlich konzentrieren sich zahlreiche Ärzte auf die großen Ballungszentren, sodass es zu einer Überversorgung in Städten und einer Unterversorgung in ländlichen Bereichen kommt.

29 Prozent der niedergelassenen Ärzte in Deutschland fühlen sich gleichzeitig ausgebrannt.

  1. Immer mehr Ärzte arbeiten als Angestellte und in Teilzeit. Insgesamt 16 Prozent der 150.000 ambulant tätigen Ärzte arbeiten als Angestellte in einer Praxis. Wer eine Vollzeitstelle hat, arbeitet meistens 40 Stunden in der Woche, was deutlich unter der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit aller niedergelassenen Ärzte von 56 Stunden liegt. Rund 55 Prozent der angestellten Ärzte arbeiten jedoch maximal 30 Wochenstunden und 48 Prozent sogar nicht mehr als 20 Stunden pro Woche. Und die Tendenz ist stark steigend. Allein 2015 hat sich die Anzahl der angestellten Ärzte im Vergleich zum Vorjahr um 10,6 Prozent erhöht.

Der Frauenanteil steigt kontinuierlich

Aber warum arbeiten immer mehr Ärzte als Angestellte und in Teilzeit? In den letzten Jahrzehnten studieren immer mehr Frauen Medizin. Der Frauenanteil unter Medizinstudenten hat sich von 28 Prozent (1975) erst auf 47 Prozent (1995) und mittlerweile auf 60,7 Prozent (2015) erhöht. An viele Universitäten sind 70 oder gar 80 von 100 neuen Studenten weiblich. Aufgrund von Schwangerschaften und der Betreuung des eigenen Nachwuchses haben Frauen oft ein deutlich größeres Interesse an einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Privat- und Arbeitsleben als Männer. Die Folge davon ist, dass die bloße Berechnung der „Köpfe” die tatsächliche Arbeitszeit und damit auch das Arbeitsangebot überschätzt.

Frauen ist eine „Work-Life-Balance” besonders wichtig

  1. 13 Prozent der Arbeitszeit wird für bürokratische Aufgaben verwendet. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat berechnet, dass Arztpraxen jährlich 52 Millionen Stunden mit bürokratischen Aufgaben verbringen. Auf die gesamte Jahresarbeitszeit eines durchschnittlichen Arztes umgelegt bedeutet dies, dass er 13 Prozent seiner Arbeitszeit mit diesen Aufgaben verbringt. Wenn diese Bürokratie-Krake bekämpft werden würde, hätten Ärzte auch wieder mehr Zeit für ihre Patienten.
  1. Die demographische Entwicklung wird zu einer Zunahme der Arztbesuche führen. Denn alte Menschen werden öfter krank und verursachen bereits heute den einen großen Teil aller Arztbesuche. Mit fortschreitendem Alter steigt das Krankheitsrisiko. Das sieht man bereits an den Krebserkrankungen: Das Krebsrisiko steigt deutlich ab dem 50. Lebensjahr. Jede zweite Krebsdiagnose erhalten Personen, die mindestens 66 Jahre alt sind.

2030 wird fast ein Drittel aller Personen über 65 sein

  1. Die Budgetierung des Gesundheitswesens verzerrt die Anreize für Ärzte. Arztpraxen bekommen von den Krankenkassen quartalsweise ein Budget zugeschrieben. Die Leistungen der Ärzte werden nach einem Punktesystem abgerechnet. Sobald alle Punkte für ein Quartal verbraucht sind, werden weitere Behandlungen nicht oder nur anteilig vergütet. Überschüssige Punkte bringen keine zusätzlichen Einnahmen. Das System wurde 1995 von den Krankenkasse als Kostenbremse eingeführt. Es bremst aber nicht nur Kosten, sondern verzerrt auch die Anreize für Ärzte. Ein Beispiel: Du verkaufst Autos und wirst pro verkaufter Einheit bezahlt (z. B. per Provision). Wenn dein Gehalt gedeckelt ist und du bereits nach 16 Tagen an die Provisionsgrenze stößt, würdest du den restlichen Monat praktisch umsonst arbeiten. Natürlich hast du dann keinen Anreiz, in der restlichen Zeit weitere Autos zu verkaufen, da nichts davon auf deinem Bankkonto verbleibt.

In einer ähnlichen Situation befinden sich viele Ärzte bei der Behandlung von Kassenpatienten. Sobald ihr Budget ausgeschöpft ist, wird jede weitere Behandlung finanziell uninteressant. Wenn man diese Regelung abschaffen oder anpassen würde, hätten Ärzte wieder mehr Anreize, um zusätzliche Termine für gesetzlich versicherte Personen zu vergeben.

Wer nur für 16 Tage Arbeit bezahlt wird, wird nicht 30 Tage lang hart arbeiten

Für viele Behandlungen von Kassenpatienten werden Ärzte nicht bezahlt.

  1. Wir gehen in Deutschland zu oft zum Arzt. Der Durchschnittsdeutsche geht im internationalen Vergleich sehr oft zum Arzt. Hinter Ungarn liegen wir mit durchschnittlich 9,9 Besuchen pro Jahr auf dem zweiten Platz in Europa. Laut dem Vorstandschef der Kaufmännischen Krankenkasse Ingo Kailuweit ist gar jeder zweite Arztbesuch unnötig. Ob tatsächlich 50 Prozent der Arztbesuche überflüssig sind, ist unklar. Auf jeden Fall sorgen viele unnötige Überweisungen zum Facharzt, zu viele bildgebende Verfahren (CT, MRT), verpflichtende Krankschreibungen ab dem ersten Fehltag in Unternehmen und Arztbesuche nur für die Verschreibung von Medikamenten für überflüssige Arzttermine. Wenn man die Zahl der unnötigen Arztbesuche reduzieren könnte, würde sich die Situation in den Wartezimmern entspannen.

Jeder Deutsche geht im Durchschnitt fast zehnmal pro Jahr zum Arzt

Wachsende Bereiche in der Medizin

Die Interaktion zwischen Arzt und Patient hat sich in den letzten Hundert Jahren nicht verändert: Zuerst vereinbart man einen Termin beim Arzt. Dann erscheint man dort persönlich, wird vom Arzt untersucht und nach seinen Symptomen befragt. Schließlich erhält man eine Behandlungsempfehlung und bekommt zum Beispiel Medikamente verschrieben. Für die Umsetzung der Behandlung (z. B. regelmäßige Einnahme der Medikamente, Ernährungsgewohnheiten ändern) ist man dann wiederum selbst zuständig. Das Problem an diesem Vorgehen ist, dass wir es uns nicht länger leisten können: Bereits heute geben wir 4.213 Euro je Einwohner für das Gesundheitssystem aus. Mit einer älter werdenden Bevölkerung werden diese Kosten weiter steigen. 

Heute kann man aber bereits einige zukünftige Entwicklungen absehen, die das derzeitige Gesundheitssystem grundlegend verändern werden. Das betrifft sowohl die Patienten als auch die Arbeit der Ärzte.

So verläuft die Interaktion zwischen Arzt und Patient heute 

So verläuft die Interaktion zwischen Arzt und Patient heute 

Einen großen Einfluss auf die zukünftige Arbeit von Ärzten werden Algorithmen und Künstliche Intelligenz haben. Sie nehmen Daten als Input (z. B. Laborergebnisse, Symptome oder medizinische Forschungsarbeiten) und entwickeln daraus Diagnosen, Behandlungen und Forschungshypothesen. Angenommen, es wären nur 2 Prozent der 2014 veröffentlichten medizinischen Forschungsarbeiten für einen Arzt relevant, müsste er täglich 21 Stunden lesen, um regelmäßig auf dem neuesten Stand zu bleiben. Computerprogramme wie IBM’s Watson, der ehemalige Gewinner der Spielshow Jeopardy!, werden sich in Zukunft in wenigen Sekunden durch alle jemals veröffentlichten Publikationen arbeiten. In Kombination mit Hunderttausenden von Patientendaten werden sie so akkurate Diagnosen stellen und Behandlungen empfehlen. Heute arbeitet Watson bereits an bestimmten Krebsdiagnosen und Behandlungsplänen für Patienten. In der Elizabeth Wende Brustklinik in New York konnte er die sogenannten falsch negativ Diagnosen um 39 Prozent reduzieren. 

Auch die Ärztegemeinschaft selbst sieht die Genauigkeit der Diagnosen als verbesserungswürdig: 49 Prozent der Leser des „British Medical Journal” sind der Meinung, dass die evidenzbasierte Medizin nicht richtig funktioniert. Tatsächlich machen verpasste, verspätete und inkorrekte Diagnosen 10 bis 20 Prozente aller Fälle aus.

In der Medizin gibt es viele Anwendungsbereiche für Künstliche Intelligenz

Bereits heute nutzt die Hälfte aller US-amerikanischen Ärzte die App „Epocrates”, die Aufschlüsse über die Interaktion und Verträglichkeit zwischen verschiedenen Medikamenten gibt. Früher mussten sich Ärzte dafür durch eine 2.500 Seiten dicke Anleitung wühlen, heute können sie stattdessen „Epocrates” um Rat fragen.

Zusätzlich helfen Algorithmen in der Forschung. Durch das Scannen medizinischer Fachliteratur können sie neue Hypothesen für bestimmte Recherchegebiete formulieren. So generieren sie neue Ideen für die Krebs-, Migräne- und Hormonforschung.  

Wenn intelligente Systeme Diagnosen und Behandlungen entwickeln können, ist nicht mehr für jeden klassischen Arzttermin auch noch ein Arzt notwendig. Heute wird bereits diskutiert, ob nicht auch Krankenschwestern oder Personen mit einer medizinischen Grundausbildung mithilfe dieser neuen Systeme zukünftig einen Teil der Patienten behandeln können. Denn mit diesen Programmen halten sie dann das Fachwissen der gesamten medizinischen Fachgemeinde in ihren Händen. Damit könnten die bisher bestehenden Grenzen zwischen der Arbeit von Ärzten und anderen medizinischen Angestellten weiter verschwimmen.

Das Automatisierungsrisiko für Ärzte insgesamt ist eher niedrig. Manche Fachbereiche sind aber stärker gefährdet als andere: Viele Tätigkeiten von Radiologen (z. B. aus CT-Scans Diagnosen herleiten) und Histologen (z. B. Gewebeproben analysieren) eignen sich zum Beispiel gut zur Automatisierung. Die Arbeit eines Chirurgen hingegen stellt Roboter noch vor große Hürden. Grundsätzlich kann man sich gut positionieren, wenn man sich von Beginn an auf diese neuen Technologien konzentriert und mit ihnen in Symbiose arbeitet.

Die Zukunft gehört Ärzten, die neue Technologien clever einsetzen

Was sind weitere wachsende Anwendungsbereiche?

1. Telemedizin

Die Telemedizin nutzt meistens eine Videoverbindung über das Internet, um medizinische Aufgaben auch über eine große Distanz hinweg zu erledigen. Radiologen können so etwa CT-Scans analysieren, obwohl sie weit entfernt vom Patienten sind. Herzspezialisten können aus der Entfernung Not-Diagnosen stellen und schnelle Hilfestellung leisten. Selbst Fernoperationen sind heute technisch möglich, auch wenn sie noch relativ selten sind. Die erste Fernoperation fand bereits am 7. September 2001 statt: Eine 68-jährige Frau, die sich in Straßburg (Frankreich) befand, wurde von einem Arzt in New York indirekt operiert. Diese Technologie birgt Chancen und Gefahren für Mediziner, da sie langfristig eine Umverteilung der Diagnosen und Behandlungen hin zu den besten Ärzten ihres Fachs ermöglicht. Durchschnittlichen Ärzte könnten damit Patienten verloren gehen. 

2. Mobile Health

Mobile Health setzt sich aus allen Geräten, Systemen und Apps zusammen, die auf bestehenden Technologien wie Smartphones und mobilen Netzwerken aufbauen. Zwei Beispiele: Das BlueStar System verwandelt das Smartphone in ein Diabetes-Management-System, dass von der Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der USA (FDA) anerkannt ist. Patienten bekommen eine personalisierte Behandlung und ihr Arzt erhält gleichzeitig Zugang zu wertvollen Daten. Hardware wie das EyeNetra-System, das einfach mit einem Smartphone verbunden werden kann, ersetzt mehrere Tausend Euro teure Autorefraktrometer, die bisher für Sehtests verwendet werden mussten. Es entsteht eine neue Industrie, die viele alte und überteuerte Systeme ersetzt und neue Möglichkeiten eröffnet. Gleichzeitig sammeln diese Systeme eine Menge Daten, mit denen wiederum Algorithmen „gefüttert” werden.

3. Nanomedizin

Die Nanotechnologie setzt sich mit extrem kleinen Teilchen auseinander, die oft nur ein paar Milliardstel Meter groß sind. Bereits 1959 prognostizierte Richard Feyman, dass wir eines Tages „den Chirurgen schlucken” werden. Er bezog sich auf den Einsatz kleinster Nanopartikel, die sich zielgerichtet durch unsere Blutbahnen bewegen und dort Probleme identifizieren, Medikamente verteilen und Tumorzellen angreifen. Google X, die Forschungsabteilung von Google, arbeitet an der Entwicklung von „Nanobots”, die genau diese Aufgaben übernehmen sollen. In den USA sind heute bereits 30 Medikamente zugelassen, die unter anderem Nanopartikel zum Transport der Wirkstoffe nutzen. Das Medikament Abraxane etwa besteht aus Nanopartikeln und ist seit 2001 zur Behandlung von Brustkrebs zugelassen.

4. Genetik

Durch das Scannen der eigenen DNA kann man das Risiko für zukünftige Erkrankungen berechnen und personalisierte Behandlungen entwickeln. Die erste komplette Entschlüsselung eines menschlichen Genoms im Jahr 2000 hat insgesamt zwischen 500 und 1.000 Millionen Dollar gekostet. Derselbe Prozess kostet eine Privatperson heute nur noch 1.000 Dollar. In Zukunft werden wir zunehmend verstehen, welche Gene problematisch und welche wünschenswert sind. Bereits heute sind Gene bekannt, die beispielsweise das Risiko für Krebsarten enorm erhöhen. Der Bereich „Genom Editing” beschäftigt sich dann mit der Frage, wie man diese Gene anpassen oder eliminieren kann. In Zukunft werden so zahlreiche Krankheiten noch vor ihrer Entstehung bekämpft.

5. Zellen & Organe „Drucken”

Heute nutzen Ärzte bereits 3D-Drucker, um individuelle Prothesen für ihre Patienten anfertigen zu lassen. Bisher werden aber vorwiegend anorganische Objekte wie etwa Zahnimplantate gedruckt. Vielleicht hast du bereits in deiner Zahnarztpraxis so einen Drucker gesehen. Forscher arbeiten aber weltweit bereits an der Nachbildung von organischen Objekten wie Organen und Adern. Das Wake Forest Institut für regenerative Medizin hat etwa einzelne Zellen auf Patienten „gedruckt”, die zuvor Verbrennungen erlitten hatten. In Zukunft könnten dann Stammzellen eines Patienten ins Labor geschickt werden, wo dann ein Bio-3D-Drucker basierend auf diesen Zellen das jeweilige Organ druckt. 

TEIL 3: Noch da? 7 Wege ins Medizinstudium

Wenn du Humanmedizin studieren willst, dir aber der notwendige Numerus Clausus fehlt, möchtest du natürlich wissen, welche Alternativen du hast. Grundsätzlich kann man die verschiedenen Wege ins Medizinstudium in zwei Gruppen aufteilen: Da sind auf der einen Seite Überbrückungsmöglichkeiten, mit denen du die Zeit bis zum Medizinstudium überbrücken kannst und gleichzeitig deine Aufnahmechancen erhöhst, weil sie von einigen Unis bei der Bewerbung berücksichtigen werden. All diese Optionen verbindet, dass du am Ende ebenfalls ein „normales” Studium an einer staatlichen Universität anstrebst. Dazu gehören Ausbildungen, Losverfahren und Studienplatzklagen. Die zweite Gruppe setzt sich aus echten Alternativen zum Studium an einer staatlichen Hochschule zusammen. Dazu zählen das Studium im Ausland oder an einer privaten Universität in Deutschland sowie das Studium bei der Bundeswehr. 

Diese Wege können alle zum Medizinstudium führen.

1. Das Losverfahren

Worum geht's?

Das Losverfahren verteilt freie Studienplätze, die nach dem regulären Zulassungs- und Nachrückverfahren offen bleiben. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn einige Abiturienten, die eine Zusage erhalten haben, ihren Studienplatz nicht annehmen wollen und gleichzeitig nur wenige Personen nachrücken. Das Losverfahren ist eine komplette Zufallsentscheidung: Jeder Bewerber hat die gleiche Erfolgswahrscheinlichkeit, der Numerus Clausus spielt keine Rolle. Da man oft nur ein Online-Formular ausfüllen oder einen Brief versenden muss, lohnt sich die Bewerbung auch trotz verschwindend geringer Erfolgsaussichten.

Fazit: Am besten nimmst du am Losverfahren teil und vergisst danach deine Teilnahme. Denn du solltest deine Hoffnungen nicht an eine Option knüpfen, die eine solch geringe Eintrittswahrscheinlichkeit hat.

2. Die Studienplatzklage

Worum geht's?

Jede Studienplatzklage basiert auf dem Recht auf Berufsfreiheit. Bei einer Klage prüft das Gericht, ob die Kapazität der jeweiligen Universität durch die vergebenen Studienplätze komplett ausgelastet sind. Nur wenn noch freie Kapazitäten bestehen, ist eine Klage erfolgreich. Und selbst dann hat man noch keinen Studienplatz. Immer öfter gibt es mehr Kläger als Studienplätze, sodass dann entweder das Los oder die schulische Leistung darüber entscheidet, wer Medizin studieren darf. Die Erfolgschancen sind in den letzten Jahren gesunken, da sich auch die Universitäten immer besser gegen mögliche Klagen absichern und selbst fachkundiger geworden sind. Vor zehn Jahren haben einige auf Studienplatzklagen spezialisierte Kanzleien noch Erfolgschancen von 80 Prozent angegeben, heute hingegen verweigern viele prozentuale Aussagen. 

Fazit: Studienplatzklagen sind mittlerweile immer seltener erfolgreich. Wer seine Chancen dennoch erhöhen möchte, muss viele Universitäten gleichzeitig verklagen und somit viel Geld in ein ungewisses Resultat investieren.

3. Der Medizinertest

Worum geht's?

Der Medizinertest wurde 2007 eingeführt und ist bei über 60 Prozent der Universitäten neben der Abiturnote das zweite zentrale Zulassungskriterium zum Medizinstudium. Der Test besteht aus 204 Aufgaben, in denen man Muster zuordnen, Figuren lernen und rotieren, sein Textverständnis unter Beweis stellen und quantitative und formale Probleme lösen muss. Damit ähnelt der Medizinertest stark einem Intelligenztest. Das ist natürlich kein Zufall. Weiter oben haben wir bereits gesehen, dass der Durchschnittsarzt zu den intelligentesten fünf Prozent der Bevölkerung gehört. 

Fazit: Jedes Jahr machen 15.000 Abiturienten den Medizinertest. Insbesondere wer sich für eine der Universitäten interessiert, die den Test als Auswahlkriterium nutzen, kommt daran nicht vorbei.

4. Die Berufsausbildung

Worum geht's?

Abiturienten, die auf einen Studienplatz warten müssen, entscheiden sich meistens für eine Berufsausbildung, mit der sie einen Teil der Wartezeit überbrücken können. Der Großteil der medizinischen Ausbildungen dauert drei Jahre. Wie wir oben bereits detailliert beschrieben haben, verlierst du in insgesamt sieben Jahren Wartezeit mehr als 250.000 Euro verglichen mit einem direkten Studienbeginn. Deshalb solltest du diesen Weg möglichst vermeiden. Kürzere Wartezeiten kannst du stattdessen mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr oder dem Bundesfreiwilligendienst überbrücken.

Fazit: In einigen Fällen kann eine Ausbildung vor dem Studium sinnvoll sein. In der Regel sollte man jedoch längere Wartezeiten auf jeden Fall vermeiden und sich für eine der anderen Alternativen entscheiden.

5. Studium bei der Bundeswehr

Worum geht's?

Die Bundeswehr erhält ein eigenes Kontingent der Studienplätze für Humanmedizin. Deutschlandweit sind das 2,2 Prozent aller Studienplätze. Wenn du bei der Bundeswehr studierst, unterscheidet sich dein Studium nicht von dem „normaler” Studenten. Du durchläufst genau das gleiche Studium an einer staatlichen Universität. Zusätzlich lockt die Bundeswehr mit einem Nettogehalt von ca. 1.800 Euro und einem Bewerbungsprozess, bei dem der Numerus Clausus nicht allein über eine Zu- oder Absage entscheidet. Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass du als Student bei der Bundeswehr in erster Linie Soldat bist. Du musst dich für mindestens 17 Jahre verpflichten, und wirst nach deinem Studium wahrscheinlich auch im Ausland und möglicherweise in Kriegsgebieten eingesetzt. Wenn du außerdem frei über deine Facharztausbildung entscheiden möchtest, musst du dich für 20 statt 17 Jahre verpflichten.

Fazit: Diese Option ist nichts für Pazifisten. Wer sich bei der Bundeswehr bewirbt, sollte sich nicht von den offensichtlichen Vorteilen (Bezahlung & schwächere Gewichtung des NCs) blenden lassen, sondern verstehen, dass man sich in erster Linie als Soldat bewirbt.

6. Studium an einer privaten Universität

Worum geht's?

Wer im Jahr 2017 Humanmedizin studieren will, der muss sich nicht zwangsläufig an einer staatlichen Universität bewerben. Heute hast du die Wahl zwischen fünf privaten Universitäten, die du bei erfolgreichem Studium ebenfalls als zugelassener Arzt verlässt. Bis auf die Universität Witten/Herdecke sind alle diese Universitäten nach der Jahrtausendwende entstanden, zwei von diesen fünf neuen Medizinprogrammen wurden erst in den letzten vier Jahren geschaffen. Sie sind eine Reaktion auf die große Lücke zwischen Interessenten (43.000) und Studienplätzen (9.000). 

Im Gegensatz zu den staatlichen Universitäten musst du hier Studiengebühren zwischen 52.000 und 115.000 Euro zahlen. Wenn du aber in jedem Fall Arzt werden möchtest, kann dieses Investment sinnvoll sein: 60.000 Euro für einen sofortigen Studienplatz zu zahlen ist aus rein finanzieller Sicht eine bessere Entscheidung, als sieben Jahre zu warten und dabei mehr als 150.000 Euro netto in Opportunitätskosten zu sammeln.

Fazit: Wer in Deutschland bleiben möchte, keinen Platz an einer staatlichen Hochschule erhält und die hohen Opportunitätskosten der langen Wartezeit vermeiden möchte, hat gar keine andere Wahl, als sich bei den privaten Universitäten zu bewerben.

7. Studium im Ausland

Worum geht's?

Schließlich kannst du auch im Ausland studieren. Begehrt sind etwa die Medizinstudienplätze in Österreich. Dort konkurrieren jedoch viele Deutsche und Europäer um 20 Prozent der insgesamt 1.500 Plätze an den Universitäten. Wenn man jedoch auch in andere Länder blickt, sieht die Situation schon besser aus. Grundsätzlich werden in Deutschland alle Studienabschlüsse aus Ländern der EU anerkannt. Nach dem Auslandsstudium muss man in Deutschland nur noch die Approbation beantragen. Sofern man sich vor Studiumbeginn noch einmal versichert hat, dass der Abschluss anerkannt wird, ist dieser Schritt nur eine Formalie. 

Unserer Meinung nach ist ein Auslandsstudium die beste Option für viele Abiturienten, die mit der NC-Problematik zu kämpfen haben. Denn auch mit einem NC von 2,5 oder schlechter kann man sich – je nach Land und Universität – noch für einen Studienplatz qualifizieren. Die zusätzlichen Kosten, die je nach Land deutlich schwanken, relativieren sich durch die geringeren Lebenshaltungskosten in osteuropäischen Ländern. In Rumänien zahlt man beispielsweise ungefähr 5.000 Euro Studiengebühren. Wenn man aber die eingesparten Kosten durch das niedrigere Preisniveau (Lebenshaltungskosten liegen 47 Prozent unterhalb denen Deutschlands) berücksichtigt, die bei 7.050 Euro jährlich liegen, spart man jedes Jahr ungefähr 2.000 Euro durch ein dortiges Studium.

Fazit: Das Auslandsstudium ist aufgrund der höheren Erfolgschancen und der niedrigen Lebenshaltungskosten in vielen Ländern häufig die beste Alternative zum Medizinstudium an einer staatlichen Universität.

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