Yolo 2.0

Warum schaust du dir eine Serie auf Netflix an, wenn du eigentlich für eine Klausur lernen solltest? Wir blicken auf den Kampf zwischen deinem heutigem und zukünftigem Ich.

Wie hast du reagiert, als du das letzte Mal vor einem Berg Arbeit standest? Vielleicht musstest du für eine Arbeit in einem deiner Leistungskurse lernen oder ein Präsentation vorbereiten. Deine Eltern erwarteten eine gute Note und du hättest etwas für deinen Abiturschnitt tun können. Eigentlich hättest du dich direkt an den Schreibtisch setzen müssen. Das wäre die richtige Reaktion gewesen. Stattdessen hast du dir aber eine Serie auf Netflix angesehen, bist mit Freunden in eine Bar gegangen oder hast deinen nächsten Urlaub geplant. 

Vor dir selbst hast du die Entscheidung damit gerechtfertigt, dass du morgen die heutige Arbeit nachholst und eine Doppelschicht einlegst. Aber natürlich war am nächsten Tag nichts anders: Du warst weder motivierter noch disziplinierter. Dieser Prozess wiederholt sich so lange, bis du plötzlich vor deiner Deadline stehst, deine Planung obsolet ist und sich alle Arbeit angestaut hat:

In der Wissenschaft ist dieses Phänomen als „Hyperbolic Discounting” bekannt. Du ziehst eine direkte, kleine Belohnung einer späteren, größeren Belohnung vor. Du willst nicht erst später für deine Mühen belohnt, sondern sofort befriedigt werden. Natürlich bezieht sich dieses Phänomen nicht nur auf Klassenarbeiten und Abi-Klausuren. Es betrifft genauso deine Gesundheit, Karriere, Beziehungen und finanziellen Entscheidungen. Überall tendierst du dazu, deinem heutigen Ich mehr Bedeutung als deinem zukünftigen Ich zu schenken. Du möchtest sofort den süßen Honig genießen und schiebst die unangenehme Arbeit auf den nächsten Tag, die nächste Woche oder das nächste Jahr.

Du entscheidest dich für den Cookie heute anstatt für die Bikinifigur nächsten Sommer, du trinkst heute acht Bier und gehst danach feiern anstatt morgen ausgeschlafen für deine Abi-Klausur zu lernen. Du planst deinen Work-und-Travel-Aufenthalt anstatt dich mit deiner Zukunft auseinanderzusetzen. Du „genießt” regelmäßig ein paar Zigaretten und verdrängst dabei, dass du deine Lebenserwartung um fünf Jahre reduzierst. Wenn du deine Zeit nicht effizient nutzt, und etwa fünf Stunden am Tag verschwendest (z. B. durch ineffzientes Lernen, Youtube-Videos, die du eigentlich gar nicht gucken willst oder einen schlechten Film, den du dir zum dritten Mal anschaust), kostet dich das mindestens 40.000 Euro pro Jahr. Denn dein späterer Stundenlohn beträgt mindestens 30 Euro und mit jeder verschwendeten Stunde verlierst du genau diese 30 Euro, da du dich weiter vom Einstieg in den Arbeitsmarkt entfernst. Bei 25 verlorenen Stunden pro Woche und 52 Wochen im Jahr kommst du dabei auf ungefähr 40.000 Euro.

Warum haben wir dieses Problem?

Unsere Präferenz für die Gegenwart ist eine von vielen mentalen Daumenregeln, die es uns erlauben, Entscheidungen im Alltag zu treffen, ohne jedes Mal eine komplette Analyse durchführen zu müssen. In Alltagssituationen sind diese „Shortcuts” hilfreich (z. B. beim Zähnputzen oder Autofahren), aber bei komplexen Problemen des 21. Jahrhunderts erschweren sie gute Entscheidungen (z. B. bei Karriere- oder Investmententscheidungen). 

Diese „Entscheidungshilfen” sind über Tausende Generationen entstanden. Wer im Jahr 30.000 v. Chr. lebte, wurde nie mit diesen zeitlich komplexen Problemen konfrontiert. Ein erlegtes Mammut wurde sofort in der Gruppe verzehrt, denn man hatte gar nicht die Möglichkeit, es einzufrieren oder eine Woche im Kühlschrank aufzubewahren. Damals war die einzige rationale Entscheidung, das Mammut direkt zu konsumieren. Diese Verhaltensmuster sind auch heute noch Bestandteil unseres evolutionären Erbes und gerade deshalb so schwer zu bekämpfen. 

Was kannst du tun?

Bist du deinem evolutionärem Erbe ausgeliefert? Oder kannst du etwas tun, um mehr Kontrolle über diese Entscheidungen zu gewinnen?

Als erstes musst du verstehen, dass der Kampf zwischen deinem heutigen Ich und zukünftigen Ich hohe Kosten produzieren kann und gleichzeitig unfair ist. Ohne deine bewusste Intervention ist es wahrscheinlich, dass größtenteils dein heutiges Ich am Steuer sitzt und du dein Potenzial nie ansatzweise ausschöpfen wirst. Dann verschwendest du deine Gesundheit, reduzierst dein zukünftiges Einkommen oder triffst möglicherweise die falsche Entscheidung nach dem Abitur. 

1. Realisiere deine Hölle und dein Paradies.

Wie sieht dein Leben im Worst und Best Case aus? Es dürfte keinem schwer fallen, eine Zukunft zu erdenken, in der man sich jeden Tag den Dingen hingibt, die einem das größte Vergnügen bereiten. Vielleicht gehören dazu tägliche Fastfood-Orgien, Binge-Watching von Netflix-Serien oder stundenlanges Computerspielen. Wenn du so über Monate oder Jahre deine Tage füllst, landest du langfristig in deiner persönlichen „Hölle”. Während sich deine Freunde eine Zukunft aufbauen und ins Fitnesstudio gehen, liegst du im Bett und findest regelmäßig Chips-Reste zwischen Kissen und Bettdecke. Ohne Ziele wirst du immer unzufriedener mit deinem Leben. Deine Freunde bemitleiden dich, deine Eltern sorgen sich um dich und vielleicht entwickelst du in dieser Negativspirale auch noch ein Alkohol- oder Drogenproblem.

Wie könnte dein Leben auf der anderen Seite aussehen, wenn du dich für fünf Jahre deinem zukünftigen Ich widmest? Wenn du Ziele formulierst und dann auf sie hinarbeitest? Wenn du deine Zeit nutzt, um neue Fähigkeiten aufzubauen und an interessanten Projekten zu arbeiten. Dann kannst du dir ein gutes Einkommen, einen interessanten Beruf und eine funktionierende Beziehung erarbeiten. Damit beeinflusst du nicht nur dein eigenes Leben positiv, sondern auch das aller Personen in deinem Netzwerk. Du kannst deine Eltern später unterstützen, falls sie deine Hilfe brauchen, du hast einen positiven Effekt auf deine Freunde und du wirst eventuell sogar für den einen oder anderen zu einem Vorbild.

2. Eine riesiges Projekt in kleine Schritte einteilen.

Wenn man vor einer großen Aufgabe steht, ist es ganz einfach, sie hinauszuschieben, da man rätselt, wo man überhaupt anfangen soll. Schließlich gibt es nicht nur mehrere Dinge, die bearbeitet werden müssen, sondern es ist auch oft unklar, wie genau man jeden dieser Teilbereiche in einzelne Schritte aufteilt. Wenn du beispielsweise eine App auf den Markt bringen willst, musst du ein Programm schreiben, die App vermarkten, den Markt einschätzen, eine Firma gründen und Hunderte andere Dinge beachten. 

Damit dich so eine Aufgabe nicht komplett überfordert, musst zuerst herausfinden, welcher Punkt auf dieser Liste der Wichtigste ist und wie du ihn konkret umsetzen kannst. Bevor du 1.000 Stunden Entwicklungsarbeit in deine App steckst, solltest du erst einmal überprüfen, ob dafür überhaupt eine Nachfrage besteht. Dazu kannst du zum Beispiel Facebook-Anzeigen schalten und schauen, ob Personen an der Idee interessiert sind, oder eine Kampagne auf einer Crowdsourcing-Plattform wie Kickstarter anlegen. Erst danach beginnst du mit der eigentlichen Arbeit an der App.

Wenn du ein großes Projekt in kleine Arbeitsschritte zerlegst, hast du auch früher Erfolgserlebnisse. Du kannst dich also auch zwischendurch ab und zu vergnügen, anstatt deine Belohnung unbefristet aufzuschieben. Das befriedet den Kampf zwischen heutigem und zukünftigem Ich.

3. Schließlich musst du einfach nur beginnen.

Das ist oft der schwierigste Schritt. Genau bevor wir etwas anfangen wollen, verirren wir uns häufig im letzten Moment doch noch und finden uns stattdessen in einer belanglosen Aufgabe wieder: Wir räumen unser Zimmer auf oder verlieren uns in einer Instagram- oder Snapchat-Spirale.

Wenn man sich aber einmal zum Start gezwungen hat, ist damit die größte Hürde übersprungen. Zwar läuft man auch danach andauernd Gefahr, seine Arbeit zu unterbrechen, um beispielsweise zu schauen, ob etwas Neues im Kühlschrank ist, aber zumindest sinkt die Wahrscheinlichkeit für solche Ablenkungen. An einem Punkt ist man schließlich derart in seiner Arbeit versunken, dass man einen flow-ähnlichen Zustand erreicht: Man vergisst zu essen und zu trinken und hat plötzlich drei Stunden gearbeitet, obwohl man subjektiv das Gefühl hat, erst seit 20 Minuten am Schreibtisch zu sitzen. Jeder kennt dieses Gefühl. Der eine vielleicht aus dem Fitnessstudio, der andere vom Computerspielen. Du bist völlig in eine Tätigkeit vertieft und verlierst das Zeitgefühl. 

Wenn du dein heutiges Ich für einen Tag in seine Schranken verwiesen hast, ist der Kampf damit natürlich nicht für immer gewonnen. Bereits am nächsten Tag musst du dich wieder disziplinieren. Mit der Zeit aber eignest du dir diese neuen Verhaltensweisen an, und es wird einfacher, öfter im Interesse deines zukünftigen Ichs zu handeln. Wenn du Ziele in deinem Leben hast und dich weiterentwickeln willst, solltest du darauf achten, wann dein nach Vergnügen lechzendes Ich wieder einmal Oberhand gewinnt.

Es ist eine der wertvollsten Errungenschaften unserer modernen Gesellschaft, dass du die heutige harte Arbeit gegen ein besseres zukünftiges Leben eintauschen kannst. Noch vor wenigen Hundert Jahren konntest du nicht erwarten, dass du dir mit deinen heutigen Anstrengungen eine bessere Zukunft erarbeiten kannst. Die Lebenserwartung lag bei 35 Jahren. Wer nicht auf dem Schlachtfeld starb, fiel einer Krankheit zum Opfer. Noch vor 72 Jahren dachte man als Soldat im zweiten Weltkrieg nur an die nächste Stunde, den nächsten Tag oder die nächste Woche. Die letzten 100 Generationen wären unglaublich froh, wenn sie sich in die Gegenwart beamen könnten und deine Möglichkeiten hätten.

In unserem Newsletter zeigen wir dir unter anderem, welche Fehler Abiturienten typischerweise bei ihrer Entscheidung begehen, was du bei einer Zukunftsentscheidung im 21. Jahrhundert beachten solltest und wie du gute Ideen für deine Zukunft entwickeln kannst. 

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