Was soll ich studieren?

Bei mehr als 10.000 Alternativen nach dem Abitur ist es keine Überraschung, dass du mit dieser Frage überfordert bist. Was kannst du tun, um dennoch eine gute Entscheidung zu treffen?

Wir sind das intelligenteste Lebewesen auf diesem Planeten, und doch sind wir relativ schnell mit unseren Entscheidungen überfordert: Wenn wir im Supermarkt vor fünf verschiedenen Anbietern von Kaffeekapseln stehen, die jeweils zehn verschiedene Aromen und Röstungsstufen anbieten, können wir in ein paar Sekunden unmöglich feststellen, welcher Kaffee uns am besten schmecken würde. Das Gleiche gilt für fast alle anderen Produkte im Supermarkt, für die Kombinationsmöglichkeiten der Zutaten in einer trendigen Salatbar oder die Abendgestaltung in einer Großstadt: Überall kannst du dich – aufgrund der Anzahl der Möglichkeiten – nur schlecht entscheiden. Um die beste Option zu finden, müsstest du viel zu viel Zeit in solch eine profane Entscheidung investieren.

Die Entscheidung nach dem Abitur

Bei der Frage, was du nach dem Abitur machen willst, erwartet dich genauso eine immer weiter wachsende Anzahl an Möglichkeiten: Allein in Deutschland hast du die Auswahl zwischen 8.500 Bachelorstudiengängen und 328 Ausbildungsberufen. Hinzu kommen unzählige andere Möglichkeiten: Du könntest sofort beginnen zu arbeiten, eine Karriere als Freelancer starten oder dein eigenes Business starten. Wer eine gute Entscheidung treffen will, muss außerdem verschiedene Faktoren berücksichtigen: Passt die Option X zu meinen Stärken und Interessen? Wächst oder schrumpft die von mir favorisierte Branche? Kann diese Tätigkeit automatisiert werden? Werden meine finanziellen Vorstellungen erfüllt? Welche Einschränkungen erwarten mich?

Wenn du 10.000 unterschiedliche Alternativen und 10 verschiedene Faktoren pro Alternative bei deiner Entscheidung berücksichtigen willst, müsstest du 100.000 Datenpunkte sammeln, bevor du dich entscheiden kannst. Bis du all diese Informationen recherchiert hättest, wärst du wahrscheinlich bereits 35 Jahre alt. Das ist also keine praktikable Strategie. In der Realität investieren Abiturienten jedoch nicht zu viel, sondern zu wenig Zeit in diese Entscheidung: Einige entscheiden sich sogar innerhalb von ein paar Tagen. Dabei beschränken sie sich oft auf eine kleine Vorauswahl (z. B. beliebte und geläufige Studiengänge) und berücksichtigen nur einen einzigen Faktor bei ihrer Entscheidung (z. B. ihr Interesse an einer Alternative). 

Auch das ist keine clevere Strategie. Je größer die Bedeutung einer Entscheidung und deren Komplexität ist, desto mehr Zeit, Energie und Überlegungen solltest du investieren. Wer sich überfordert fühlt und deshalb eine Verlegenheitsentscheidung trifft, findet sich später oft in einer noch schwierigeren Situation wieder: Man muss sich entscheiden, ob man sein Studium abbricht, seine Karriere wechselt und noch einmal bei null startet.

In den letzten Tausend Generationen haben wir einige „mentale Abkürzungen” entwickelt, um auch in einem komplexen Umfeld schnelle Entscheidungen treffen zu können. Hier sind zwei Beispiele: Wenn etwas oft genug wiederholt wird (z. B. in den Medien), glauben wir es mit der Zeit auch selbst. Viele Menschen denken etwa, dass wir nur 10 Prozent unseres Gehirns benutzen, dass ein Studium immer lohnenswert ist und dass man mit einem BWL-Studium „nichts falsch machen kann”. Genauso ungerne ändern wir unsere Meinung, nachdem wir sie einmal gebildet haben. Neue Informationen bleiben entweder ganz außen vor oder überzeugen uns nur unzureichend von einer Kurskorrektur.

Wir glauben auch, dass sich unsere Interessen und Werte mit der Zeit nicht ändern. Tatsächlich hast du heute ganz andere Hobbies als im Alter von 12 Jahren: Du spielst nicht mehr mit Barbie und Ken oder sitzt nicht mehr vor deinem Chemie-Baukasten. Und in fünf Jahren wirst du wieder andere Interessen haben. 

Wir haben ebenfalls ein Problem damit, heute auf Vergnügen zu verzichten, und stattdessen Zeit in unsere Zukunft zu investieren. Natürlich plant man lieber die Details seines Work-and-Travel-Aufenthalts in Australien als sich detailliert mit seiner Zukunft auseinanderzusetzen. Einige Abiturienten machen deshalb – ohne eine richtige Analyse – eine vage Idee zu ihrem festen Zukunftsplan. Nicht ohne Grund findet man im BWL-Studium beispielsweise überdurchschnittlich viele orientierungslose junge Menschen.

Vier Entscheidungstypen unter Abiturienten

Die Explosion unserer Möglichkeiten hat sogar neue Industrien und Jobs geschaffen. Die Beratungsindustrie ist ein recht neues Phanömen, das sich parallel zur steigenden Komplexität unserer Umwelt entwickelt hat: In Europa gab es bis 1960 keine Unternehmens-, Studien-, oder Karriereberatungen. 

Viele Abiturienten (oder Eltern), die sich über die Bedeutung der Entscheidung bewusst und dennoch genauso überfordert wie alle anderen sind, suchen nach Expertenrat und enden oft in einer überteuerten und ineffektiven Studienberatung.

Wenn du 1.200 Euro für eine funktionierende Entscheidungshilfe bezahlen würdest, die dich in die Richtung deiner bestmöglichen Zukunft lenkt, könnte keiner von einer überteuerten Dienstleistung sprechen. Tatsächlich liegt der rein finanzielle Unterschied zwischen einer schlechten und guten Zukunftsentscheidung im sechs- bis siebenstelligen Bereich, wenn man dein ganzes Arbeitsleben betrachtet. Warum ist es dann aber eine schlechte Idee, sich auf eine Studienberatung zu verlassen?

Studienberatungen testen deine Persönlichkeit, versuchen deine Interessen zu identifizieren und schlagen dir basierend darauf „passende“ Studiengänge vor. Studien zeigen jedoch, dass diese Zuordnung alleine aufgrund von Persönlichkeit und Interessen nicht funktioniert. Es besteht fast kein Zusammenhang mit deiner späteren Arbeitsleistung. Außerdem reduzierst du dich bei einer Studienberatung auf die Möglichkeiten, die die jeweilige Beratung in ihrem System hinterlegt hat. Meistens sind das die geläufigen Studiengänge. Andere Optionen, wie ein direkter Arbeitsstart mit gleichzeitiger Online-Ausbildung, bleiben damit komplett außen vor. Schließlich agieren die meisten Studienberater so, als würden die Beratungsempfänger noch immer im 20. Jahrhundert leben. Sie können Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt wie die Automatisierung, neue Technologien, wachsende und schrumpfende Industrien sowie die Verwässerung der Bildungsabschlüsse nicht richtig einordnen.

Was ist dann aber die Alternative?

Als erstes musst du dich von dem Irrtum lösen, dass allein ein Studium in eine erfolgreiche Zukunft führt. Ein Studium vermittelt dir Wissen und Fachkenntnisse, du baust ein Netzwerk von Freunden auf und erhälst am Ende ein Zeugnis, das dir die Tür zum Arbeitsmarkt öffnet. Allerdings ist dieses Zeugnis immer weniger wert, weil inzwischen 56 Prozent eines Jahrgangs ein Studium beginnen, während es im Jahr 2000 noch 33 Prozent waren. Für ein Studium entscheiden sich zudem vor allem motivierte, intelligente und gewissenhafte Personen, die ohnehin gut für eine erfolgreiche Zukunft aufgestellt sind. Der Gedanke, dass ein Studium den überwiegenden Anteil zum späteren Berufserfolg beiträgt, ist deshalb fragwürdig. Viele Personen hätten auch ohne ein klassisches Studium den Weg in eine erfolgreiche Zukunft gefunden. Das heißt nicht, dass ein Studium keine gute Option sein kann. Es ist sogar für viele Berufe aus gutem Grund der einzige Weg, der dich in diesen Job führt. Kein Arzt oder Anwalt darf ohne ein abgeschlossenes Studium tätig werden. Aber es gibt eben doch einige gute Alternativen: Du kannst etwa direkt beginnen zu arbeiten, ein Business starten oder dich für eine der neuen Online-Ausbildungen entscheiden.

Basierend auf deinen Stärken und Interessen entwickelst du dann mindestens 50 Ideen. Die Suche nach guten Ideen ähnelt der Suche nach Gold: Du kannst nicht nur auf ein paar Quadratzentimetern schürfen und erwarten, dass du erfolgreich bist. Wenn du aber 25 Quadratmeter durchsuchst, wirst du mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zumindest ein paar Gramm Gold finden. So ist es auch mit Ideen: Gute Ideen sind ein kleiner Anteil von allen Ideen, die du hast. Wenn du nur eine oder zwei Ideen für deine Zukunft entwickelst, übersiehst du andere attraktive Optionen.

Nachdem du einen Berg an klassischen und unkonventionellen Ideen generierst hast, filterst du deine besten Ideen heraus. Das ist meistens gar nicht so schwer, weil sich der Großteil ohnehin als schlecht oder nicht umsetzbar herausstellt. Mit diesen Ideen willst du dich dann intensiver auseinandersetzen. Schließlich würdest du auch kein Auto kaufen, ohne den Preis, die Ausstattung und die Motorleistung zu kennen, ohne dir Testberichte und Kundenbewertungen durchgelesen zu haben und ohne eine Probefahrt gemacht zu haben. Wie sieht also deine Zukunft aus, wenn du dich für Alternative X entscheidest? Wie würden deine nächsten drei Jahre ausschauen? Womit verbringst du den Großteil deiner Zeit? Welche Vor- und Nachteile bringt die jeweilige Alternative mit sich? Kann die Tätigkeit automatisiert werden? Passt sie zu deinen Stärken und Interessen?

Um diese Fragen zu klären, kannst du nicht nur recherchieren. Du musst deine Ideen auch einem Realitätscheck unterziehen und sie in der echten Welt überprüfen. Gibst es auf dem Arbeitsmarkt eine Nachfrage für die Alternative? Stimmen deine Erwartungen mit der Realität überein? Welche Aspekte hast du bei deiner Recherche übersehen?

Dazu entwickelst du verschiedene Prototypen. So wie Apple Prototypen nutzt, um das iPhone X vor dem Verkaufsstart auf Herz und Nieren zu überprüfen, kannst du mit dem gleichen Konzept die Ideen für deine Zukunft austesten. Im Kurs zeigen wir dir etwa, wie du mit interessanten Personen in Kontakt kommst, die genau in dem Beruf tätig sind, für den du dich interessierst. So kannst du in Gesprächen oder bei Besuchen am Arbeitsplatz erfahren, was ein bestimmtes Studium oder einen Beruf wirklich ausmacht.

Erst danach solltest du eine Entscheidung treffen. Egal, ob du an dieser Stelle einen klaren Favoriten hast oder eine schwierige Entscheidung zwischen mehreren Optionen treffen musst: Du solltest in jedem Fall strategisch vorgehen. Du willst wissen, warum du dich für eine Alternative entschieden hast und was ihre Vor- und Nachteile sind. Deshalb setzt sich der Entscheidungsprozess aus zwei Komponenten zusammen: der Faktoranalyse und deinem Gesamteindruck.

Die Faktoranalyse verschafft dir ein detailliertes und objektives Bild von jeder Alternative. Der Gesamteindruck basiert mehr auf deiner Intuition: Was sagt dein Bauchgefühl? Wie glaubst du, wirst du in 10 Wochen, 10 Monaten und 10 Jahren über diese Entscheidung denken? Mit dieser Kombination berücksichtigst du alle wichtigen Aspekte und kannst dich auf deine Entscheidung verlassen, ohne im Nachhinein daran zweifeln zu müssen.

In unserem Newsletter zeigen wir dir unter anderem, welche Fehler Abiturienten typischerweise bei ihrer Entscheidung begehen, was du bei einer Zukunftsentscheidung im 21. Jahrhundert beachten solltest und wie du gute Ideen für deine Zukunft entwickeln kannst. 

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