Folge nicht einfach (blind) deiner Leidenschaft

Wer nicht weiß, was er nach dem Abitur machen soll, bekommt oft den Ratschlag, einfach seiner Leidenschaft zu folgen. Viele Abiturienten, die sich an diesem Tipp orientieren, finden sich jedoch später nicht im beruflichen Paradies wieder. Woran liegt das?

Spätestens seit der Rede von Steve Jobs im Jahr 2005 vor den Absolventen der Stanford Universität, die inzwischen mehr als 50 Millionen Mal aufgerufen wurde, hat sich der Ratschlag „Folge deiner Leidenschaft“ wie ein Waldfeuer verbreitet. Die Idee klingt – insbesondere für viele Abiturienten – verlockend: Man muss nur seine Leidenschaft entdecken und dann einen dazu passenden Beruf finden. Wer aus seiner Passion eine Karriere formt, muss keinen Tag in seinem Leben arbeiten, weil er mit seinem liebsten Hobby Geld verdient.

Soweit die Theorie. Leider stößt diese Idee in der Realität schnell an ihre Grenzen:

1. Der Großteil aller jungen Menschen hat keine (karriererelevante) Leidenschaft.

Wenn du verschiedene Interessen, aber keine brennende Leidenschaft hast, bist du nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Deshalb kannst du Wochen, Monate und Jahre nach deiner Passion suchen und dennoch nicht fündig werden. Leidenschaft ist nicht einfach „da“, sondern entwickelt sich mit der Zeit. Sie ist nicht wie deine Augen- oder Haarfarbe von Geburt an festgelegt und wartet auch nicht in deinem Unterbewusstsein darauf, endlich entdeckt zu werden.

William Damon, Professor an der Stanford Universität, hat etwa herausgefunden, dass nur jede fünfte Person zwischen 12 und 26 eine klare Vision davon hat, was sie in Zukunft machen möchte und warum. Bill Burnett und Dave Evans, die beide auch in Stanford unterrichten, schätzen basierend auf ihrer Erfahrung ebenfalls, dass ca. 80 Prozent aller Menschen nicht wirklich wissen, was genau ihre Leidenschaft ist.

2. Selbst wenn du eine Leidenschaft hast, kannst du damit wahrscheinlich kein Geld verdienen.

Die meisten Menschen begeistern sich für Sport, Kultur oder Musik, aber nicht für Quantenphysik, Künstliche Intelligenz oder Genetik. Da in diesen Bereichen nur ein winziger Bruchteil der gesamten Wirtschaftsleistung geschaffen wird, gibt es dort auch keine Jobs für Millionen Menschen. In Deutschland entfallen beispielsweise nur ca. drei Prozent aller Arbeitsplätze auf die Branchen Sport, Unterhaltung, Erholung und Kunst.

Und von denjenigen, die eine solche Karriere anstreben, erzielt nur ein kleiner Anteil ein gutes Einkommen. Für jeden A-List-Schauspieler wie Dwayne „The Rock“ Johnson gibt es Hunderte erfolglose Schauspieler, die sich mit wenigen Rollen und jämmerlichen Gagen zufriedengeben müssen. Bei 48.000 Schauspielern und 25 „A-List-Stars“ in den USA liegt die Wahrscheinlichkeit auf einen Platz im Scheinwerferlicht bei gerade einmal 0,05 Prozent. Dasselbe Schicksal erleidet der Großteil der angehenden Profi-Fußballer, Schriftsteller, Sänger, Künstler, Youtuber und Musiker.

Passion und Arbeitsplätze sind nicht gleichmäßig verteilt

3. Interessen kommen und gehen.

Mit Sicherheit erinnerst du dich noch an einige Dinge, die du in deiner Kindheit geliebt hast und die dich inzwischen gar nicht mehr interessieren: Vielleicht hast du in der Schule Spielkarten getauscht, mit Barbie und Ken gespielt oder Bobby-Cars gesammelt. Nun denkst du vielleicht, dass man die Kindheit nicht mit dem späteren Leben vergleichen kann. Tatsächlich wirst du aber bereits in fünf Jahren andere Interessen und Werte als heute haben.

Forscher aus Harvard und Cambridge haben 19.000 Personen zwischen 18 und 68 Jahren zu ihren Interessen, Werten und ihrer Persönlichkeit befragt und herausgefunden, dass wir systematisch unterschätzen, wie stark wir uns in Zukunft verändern werden. Gerade bei jungen Personen zwischen 18 und 35 ist der Unterschied zwischen prognostizierter und tatsächlicher Veränderung besonders stark ausgeprägt.

Wenn du deine Entscheidung nur an deinen heutigen Interessen ausrichtest, wachst du eventuell fünf bis zehn Jahre später in einer Karriere auf, die dir keinen Spaß mehr macht.

Deine Interessen sind nicht in Stein Gemeisselt

4. Dein Interesse an einer Option ist nicht der einzige Faktor, den du bei deiner Entscheidung berücksichtigen solltest.

Selbst wenn du eine klassische Pauschalreise buchst, willst du ein paar Dinge sicherstellen: Dein Hotel sollte mindestens drei Sterne haben, damit du keine Kakerlaken im Badezimmer findest. Du suchst eine Region mit wenigen Regentagen im Monat, sodass du nicht bei Regen die Poolbar besuchen musst und du vergewisserst dich, dass das Hotel ein Fitnessstudio hat, weil du auch im Urlaub deinen Trainingsplan umsetzen willst. Vielleicht möchtest du zusätzlich ein paar interessante Ausflugsziele im Umkreis deines Hotels haben. Für eine relativ simple Urlaubsentscheidung hast du also in diesem Fall bereits vier Faktoren definiert, die dir wichtig sind.

Bei komplexen Karriereentscheidungen hingegen konzentrieren sich viele Menschen nur auf ihre Leidenschaft. Die Entscheidung ähnelt dann eher einem Glücksspiel, da man viele andere Faktoren unberücksichtigt lässt, die sich ebenfalls positiv oder negativ auswirken: Können Teile des Berufes automatisiert werden? Wächst oder schrumpft die Branche in Zukunft? Wie stark ist die Konkurrenz in diesem Bereich? Auch der spätere Arbeitserfolg und die Arbeitszufriedenheit hängen von mehreren Faktoren ab. Studien zeigen etwa, dass es wichtig ist, ob dich deine Arbeit ausreichend herausfordert und du sie als sinnvoll empfindest.

5. Du schränkst unnötig deine Optionen ein.

Nehmen wir für einen Moment an, dass du ein starkes Interesse hast und damit auch Geld verdienen könntest. Woher weißt du, dass du dich damit für die beste Option entscheiden würdest? Wahrscheinlich gibt es mindestens fünf Alternativen, die mit denen du insgesamt zufriedener wärst. Es ist leider sehr verlockend, sich sofort festzulegen, sobald man etwas gefunden hat, für das man sich (halbwegs) begeistern kann. Stattdessen solltest du dich vor einer wichtigen Entscheidung dazu zwingen, mehrere vielversprechende Alternativen auszuprobieren.

Häufig zeigen Leidenschaft und Chancen in entgegengesetzte Richtungen

6. Leidenschaft wächst Schritt für Schritt

Meistens entwickelt sich eine Passion über einen längeren Zeitraum und nicht einfach durch Selbstreflektion. Auch Personen, die ihre Leidenschaft in jungen Jahren entdeckt haben, haben meistens noch früher angefangen, sich mit dieser Alternative ernsthaft auseinanderzusetzen. Am Anfang haben sie meistens etwas Neues ausprobiert, an dem sie zunächst nur marginal interessiert waren. Mit der Zeit wurden sie dann immer besser darin, bis aus dem anfänglichen Interesse schließlich eine Passion erwachsen ist. Es ist eine Art Feedback-Mechanismus zwischen Interesse und Fähigkeiten, der sich gegenseitig verstärkt.

In unserem Newsletter zeigen wir dir unter anderem, welche Fehler Abiturienten typischerweise bei ihrer Entscheidung begehen, was du bei einer Zukunftsentscheidung im 21. Jahrhundert beachten solltest und wie du gute Ideen für deine Zukunft entwickeln kannst. 

Die wichtigsten Infos jeden Samstag in deinem E-Mail-Posteingang.

Entdecke deinen Weg nach dem Abitur.

In unserem Newsletter zeigen wir dir unter anderem, welche Fehler Abiturienten typischerweise bei ihrer Entscheidung begehen, was du bei einer Zukunftsentscheidung im 21. Jahrhundert beachten solltest und wie du gute Ideen für deine Zukunft entwickeln kannst. 

Die wichtigsten Infos jeden Samstag in deinem E-Mail-Posteingang.

Entdecke deinen Weg nach dem Abitur.