Drei Gründe, warum du kein Jurist werden solltest.

Weshalb ist das Jurastudium so beliebt? Und wie sieht die Realität für Juristen heute und in Zukunft aus? Wir blicken auf die Karrierechancen von Juristen im 21. Jahrhundert.

Warum wollen so viele Abiturienten Jura studieren und streben eine Karriere als Rechtsanwalt, Richter oder Staatsanwalt an? Jedes Jahr strömen 7.000 bis 8.000 Neu-Juristen auf den Arbeitsmarkt. Nicht weit hinter der Betriebswirtschaftslehre rangiert die Rechtswissenschaft mit ca. 110.000 Studenten auf dem dritten Platz der beliebtesten Studiengänge. Aber warum ist das so? Und welche Gründe sprechen gegen eine Karriere als Jurist und bleiben bei der Entscheidung für ein Jurastudium häufig unberücksichtigt?

Warum zählt das Jurastudium zu den beliebtesten Studiengängen?

Einige Abiturienten wollen Jura studieren, um Unrecht wieder zu Recht zu machen. Sie wollen den unschuldig auf der Anklagebank Sitzenden verteidigen, sie wollen als Staatsanwalt Mörder, Vergewaltiger und Steuersünder ihrer gerechten Strafe zuführen oder sie möchten als Richter die Welt mit jedem Urteil ein kleines Stückchen besser machen. 

Andere sind vom Einkommenspotenzial in der Branche begeistert. Die Top-Kanzleien zahlen Einstiegsgehälter von 125.000 bis 140.000 Euro pro Jahr, das Durchschnittsgehalt für Berufseinsteiger liegt bei ungefähr 50.000 Euro. Hinzu kommt das Prestige und der Status des Berufsstandes. Als Jurist hat man sich durch ein schwieriges und langes Studium gekämpft, man steht – zumindest als Rechtsanwalt – zwischen dem Menschen und der richterlichen Gewalt, man gehört zu einer Profession mit einer langen Historie, trägt Anzug und erzielt ein gehobenes Gehalt. Frauen etwa stufen den Beruf „Anwalt” als besonders attraktiv ein. 

Viele Abiturienten landen nach dem Ausschlussprinzip beim Jurastudium. Wer sich die klassischen Studiengänge anschaut, schlecht in Mathematik ist, kein starkes Interesse an Wirtschaft hat und gleichzeitig nach einer Ausbildung mit hohem Prestige und überdurchschnittlicher Bezahlung sucht, findet sich meistens bei der Rechtswissenschaft wieder, da nur die Wenigsten (1,5% der Abiturienten) den nötigen NC für ein Medizinstudium mitbringen.

Eltern sind oft begeistert, wenn sich ihre Kinder für eine klassische Profession entscheiden oder empfehlen ihnen gar ein Jurastudium. Signalisiert es doch, dass man ambitioniert ist, einen angesehenen Beruf mit guter Bezahlung anstrebt und auf eine (vermeintlich) sichere Zukunft hinarbeitet.

Unsere Wahrnehmung der Karriere als Jurist wird zusätzlich – zumindest unbewusst – von Medien und Fernsehen geprägt. In der Tagesschau werden Anwälte interviewt, die Prominente oder Personen mit extremen Tatvorwürfen verteidigen. Hollywood inszeniert den Anwalt als intelligent, wortgewandt und wohlhabend. Oder er strebt, wie Ryan Gosling in „Das perfekte Verbrechen” oder Denzel Washington in „Philadelphia”, nach Gerechtigkeit. Serien wie „Suits” oder „How To Get Away With Murder” haben fast nichts mit der tatsächlichen Arbeit eines Anwalts gemein, und doch pflanzen sie bei dem einen oder anderen unbewusst die Idee für ein Jurastudium.

Die Realität orientiert sich jedoch nicht an Hollywoods Drehbüchern. In den USA sind 20 Prozent der Anwälte und 40 Prozent der Jurastudenten depressiv. In Deutschland dürften die Zahlen ähnlich düster ausschauen. Realität und Erwartungen klaffen für viele Studenten und Berufseinsteiger später meilenweit auseinander. Deshalb wollen wir dir heute drei Gründe vorstellen, die gegen ein Jurastudium sprechen. 

1. Nur ein Bruchteil verdient 100.000 Euro oder mehr pro Jahr.

Bei deiner Entscheidung für eine Alternative willst du nicht nur wissen, welches Einkommen du in einer bestimmten Karriere erzielen kannst, sondern auch, was du am Anfang dafür in deine Ausbildung investieren musst. Anders als in den USA musst du in Deutschland keine Studiengebühren zahlen und beendest dein Jurastudium nicht mit einem Schuldenberg von 100.000 Euro, den du über ein Jahrzehnt abzahlen musst. Als Kosten für ein Studium berechnet man üblicherweise die Lebenshaltungskosten und die Miete für eine Wohnung oder ein WG-Zimmer. Diese Kosten fallen jedoch auch bei (fast) jeder anderen Alternativen an, etwa wenn du dich dazu entscheidest, direkt nach dem Abitur zu arbeiten und dich nebenher weiterzubilden. Der Großteil der Kosten entsteht dadurch, dass du bei einem Studium eben nicht direkt in den Arbeitsmarkt einsteigst und monatlich beispielsweise keine 2.000 Euro brutto verdienst. Wenn man diesen Gehaltsausfall über ein sechs (acht) jähriges Jurastudium zusammenaddiert, kommt man auf insgesamt 144.000 Euro (192.000 Euro). Dieses verlorene Einkommen musst du erst einmal als Jurist erwirtschaften, bevor sich das lange Studium rein rechnerisch gelohnt hat.

Zwischen Kaviar und Dosen-Thunfisch: Einstiegsgehälter von Juristen

Ein großer Teil der Abiturienten entscheidet sich für ein Jurastudium, weil er sich davon eine gut bezahlte Karriere erhofft. Und tatsächlich zahlen die Top-20-Kanzleien Berufseinsteigern ein jährliches Brutto-Gehalt zwischen 125.000 und 140.000 Euro. Doch diese Gehälter sind für 95 Prozent der Jurastudenten außer Reichweite. Denn die großen Kanzleien schreiben zusammen nur ungefähr 500 Stellen pro Jahr aus und selektieren streng. Nur ungefähr drei Prozent der Bewerber erhalten am Ende eine Zusage.

Das durchschnittliche Einstiegsgehalt von Rechtsanwälten liegt zwar bei ca. 50.000 Euro pro Jahr.  Das heißt aber nicht, dass jeder zweite Anwalt mindestens 50.000 Euro verdient. Das Durchschnittsgehalt wird von den wenigen extrem gut verdienenden Jung-Anwälte nach oben gezogen. 77 Prozent der Berufseinsteiger verdienen hingegen weniger als 59.000 Euro. Fast jeder Dritte (29 Prozent) arbeitet für 32.000 Euro brutto oder weniger. Viele dieser Rechtsanwälte hätten sich rückblickend sicherlich für eine andere Karriere entschieden und nicht sechs bis acht Jahre studiert und währenddessen auf ein Einkommen verzichtet, um danach ein monatliches Bruttogehalt von 2.300 Euro zu erhalten. Aber warum erzielen viele Anwälte ein so schlechtes Einstiegsgehalt?

2. Die Konkurrenz ist stärker als du denkst.

Seit 1950 hat sich die Anzahl der Juristen in Deutschland mehr als Verzehnfacht.

Seit 1950 hat sich die Anzahl der Anwälte mehr als verzehnfacht. Dieses Jahr (2017) sind 165.000 zugelassene Anwälte bei der Bundesrechtsanwaltskammer registriert. Während 1950 ein Anwalt noch auf 5.000 Einwohner kam, waren es 1995 bereits 1.070 und 2017 sogar nur 485 Einwohner. Gleichzeitig blieb die Anzahl der polizeilich registrierten Straftaten zwischen 1995 (6.668.717) und 2016 (6.372.526) fast konstant. Die Nachfrage nach juristischen Dienstleistungen ist also insgesamt nicht gestiegen. Der Markt ist übersättigt. Wer nicht zu den Besten seines Rechtsgebiets gehört, blickt in eine schwierige Zukunft.

Der Weg in eine der Top-Kanzleien ist steinig. Man braucht mindestens jeweils ein „voll befriedigend” in beiden Staatsexamen, um mit seiner Bewerbung eine Chance zu haben. Das schaffen maximal 10 Prozent der jährlich 8.000 Jura-Absolventen. Zusätzlich kann man idealerweise einen LLM aus dem Ausland oder einen Doktortitel vorweisen. Mit diesem Profil hat man dann gute Chancen, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. 

Wer allerdings keine guten Noten hat, der verliert damit meistens auch seine Chance auf ein gutes Einkommen. Die Note im ersten Staatsexamen ist der erste Härtetest. Bis dahin hat man allerdings bereits vier Jahre investiert. Das Examen verdichtet dann die bisherigen 8.300 Arbeitsstunden auf fünf bis sieben Klausuren, die innerhalb von zwei Wochen stattfinden, und eine mündliche Prüfung. Je nachdem, welche Note man hier hat, kann man bestimmte Karrierepfade bereits streichen. Ohne ein „voll befriedigend” – das erreichen im ersten Staatsexamen nur 15% – rückt auch die Arbeit als Staatsanwalt oder Richter in weite Ferne. Da sich die Note aus wenigen Prüfungen zusammensetzt und in einem Zeitraum von nur zwei Wochen entsteht, spielt auch der Zufall eine große Rolle. Je nach Korrektor kann die Note zum Beispiel auch mal zwei Punkte höher oder niedriger ausfallen. Das macht dann den Unterschied zwischen einer 9 („voll befriedigend”) und einer 7 (nur „befriedigend”). Wer zudem schon in der Schule mit Prüfungsangst zu kämpfen hatte, wird hier auf eine ganz andere Problemdimension treffen. Selbst bei der gewissenhaftesten Vorbereitung gibt es eine große Rest-Wahrscheinlichkeit, dass man die 9-Punkte-Hürde verfehlt. 

Die Examensnoten sind das Damoklesschwert für viele Juristen

Die Examensnoten sind das Damoklesschwert für viele Juristen

Zwar sind laut offizieller Arbeitslosenstatistik nur 6.000 Juristen (ca. 3%) arbeitslos, aber 60 Prozent von ihnen sind jünger als 35. Obwohl wir in Deutschland bereits heute zu viele Juristen haben, bleiben die Studentenzahlen nach wie vor auf hohem Niveau. Im Wintersemester 2015/2016 war Jura mit 112.000 Studenten der beliebteste Studiengang hinter BWL und Maschinenbau. In den USA finden nur 55 bis 60 Prozent der Jung-Juristen neun Monate nach ihrem Abschluss einen Job, der tatsächlich ihrer juristischen Ausbildung entspricht.

3. In Zukunft werden viele Tätigkeiten von Juristen automatisiert.

Wie viele andere Bereiche wird sich auch die Arbeit der Juristen durch den technologischen Fortschritt wandeln. Viele Experten erwarten, dass sich die Branche in den nächsten zwei Jahrzehnten stärker ändert als in den letzten 200 Jahren. Eine Analyse der Unternehmensberatung McKinsey & Company schätzt, dass – basierend auf dem heutigen technologischen Wissensstand – 23 Prozent aller Tätigkeiten von Anwälten automatisiert werden können. In einer Umfrage der großen US-amerikanischen Kanzleien gaben 35 Prozent der Befragten an, dass vor allem die Arbeit von Berufseinsteigern („First-year Associates”) automatisiert werden kann.

Selbstlernende Computerprogramme können etwa deutlich schneller als jeder Anwalt digitale Akten durchsehen und relevante Informationen herausfiltern. Da sie mit Hunderttausenden Daten trainiert wurden, finden sie auch Zusammenhänge, die ihrem menschlichen Pendant verborgen geblieben wären. Basierend auf den Daten des Klienten können sie dann rechtliche Dokumente entwerfen oder die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Szenarien (z. B. eine Verurteilung oder das Strafmaß) berechnen.

Einige große Kanzleien nutzen bereits heute diese intelligenten Systeme, sodass sich ihre teuren menschlichen Anwälte nicht mehr stundenlang durch Dokumente graben müssen, sondern ihre Zeit produktiver verbringen können oder schlichtweg nicht mehr benötigt werden. IBM’s Watson, der ehemalige Gewinner der Spieleshow „Jeopardy!”, wird derzeit beispielsweise mit großen Datenmengen im Steuerrecht trainiert. Viele Startups haben sich bereits auf bestimmte Nischen im Jura-Universum konzentriert und Computerprogramme entwickelt, die kostengünstiger und effizienter als normale Anwälte arbeiten. Das amerikanische Unternehmen Wevorce konzentriert sich zum Beispiel ausschließlich auf Scheidungsfälle. Während sich die durchschnittlichen anwaltlichen Scheidungskosten in den USA auf 27.000 Dollar belaufen, bietet Wevorce eine Scheidung für nur 749 Dollar an. Das entspricht einer Kostenreduktion von 97 Prozent. Andere Firmen haben sich auf Nischen wie die Strafzettel-Anfechtung, Unternehmensgründungen oder Steuerrückzahlungen konzentriert. Bei diesen extremen Kostenvorteilen ist es nur eine Frage der Zeit, bis der normale Scheidungs- oder Verkehrsrechtsanwalt keine Klienten mehr findet.

Der Druck auf die Anwälte wächst also von zwei Seiten: Einerseits kommen neue Unternehmen auf den Markt, die dieselben Dienstleistungen preiswerter anbieten. Andererseits sind große Kanzleien darum bemüht, Arbeitsabläufe zu automatisieren und so ihre Kosten zu drücken.

Juristen werden von der Automatisierung in die Zange genommen.

Juristen werden von der Automatisierung in die Zange genommen.

Berufseinsteiger sind von dieser Problematik besonders stark betroffen, da sie überproportional viele der automatisierbaren Tätigkeiten ausüben. Der Jung-Anwalt berät nämlich nur selten selbst Klienten oder vertritt sie im Gerichtssaal. Stattdessen sitzt er im Büro und recherchiert, analysiert Präzedenzfälle und entwirft Prozessstrategien. In Zukunft werden Computerprogramme einen Teil dieser Arbeit kostengünstiger und schneller liefern. Und auch sonst bringen sie wenig Probleme mit sich: Sie werden nie krank und fordern keine „Work-Life-Balance”. 

Fazit zum Jurastudium

An einem Jurastudium interessierte Abiturienten unterschätzen unserer Erfahrung nach diese Probleme oder wissen nichts von ihrer Existenz. Zwar kann sich auch heute noch ein 144.000 Euro (192.000 Euro) teures und sechs (acht) jähriges Jurastudium lohnen. Jedoch gilt das unserer Meinung nach nur für einen kleinen Teil der Abiturienten, aber nicht für die Mehrheit der jährlich 20.000 Studienanfänger. Damit du deine Chancen besser einschätzen kannst, haben wir für dich eine kurze Checkliste erstellt.

In unserem Newsletter zeigen wir dir unter anderem, welche Fehler Abiturienten typischerweise bei ihrer Entscheidung begehen, was du bei einer Zukunftsentscheidung im 21. Jahrhundert beachten solltest und wie du gute Ideen für deine Zukunft entwickeln kannst. 

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